Das niederländische Cleantech-Unternehmen BioBTX errichtet im Chemiepark Delfzijl an der Nordseeküste der Niederlande die weltweit erste kommerzielle Großanlage zur Umwandlung gemischter Kunststoffabfälle in hochwertige aromatische Chemikalien. Die Anlage nutzt das hauseigene ICCP-Verfahren (Integrated Catalytic Cracking Process), das über katalytische Pyrolyse gemischte Kunststoffabfälle – die sonst verbrannt oder deponiert würden – in aromatisches Öl bestehend aus Benzol, Toluol und Xylol (B-T-X) umwandelt. Covestro ist seit 2024 Anteilseigner und strategischer Partner des in Groningen ansässigen Unternehmens mit einer Beteiligung im mittleren einstelligen Millionen-Euro-Bereich.
Die neue Anlage soll 35 Arbeitsplätze schaffen und jährlich rund 20.000 Tonnen Abfall verarbeiten. Daraus entstehen etwa 10.000 Tonnen erneuerbares aromatisches Öl und 8.000 Tonnen nachhaltige Nebenprodukte. Die produzierten Aromaten sind baugleich mit den Grundbausteinen, die die chemische Industrie heute für Beschichtungen, Pharmazeutika und Hochleistungsmaterialien nutzt. Sie können auch für die Isocyanat-Produktion (MDI/TDI) von Covestro verwendet werden, aus denen Weichschaum für Matratzen oder Hartschaum zur Dämmung von Kühlschränken hergestellt wird.
Wie funktioniert das ICCP-Verfahren?
Das ICCP-Verfahren von BioBTX setzt auf katalytische Pyrolyse: Gemischte Kunststoffabfälle – also Mehrkomponenten-Ströme statt sortenreiner Fraktionen – werden thermisch-katalytisch aufgespalten. Das Ergebnis ist ein aromatisches Öl mit den chemischen Grundbausteinen Benzol, Toluol und Xylol. Diese BTX-Aromaten sind chemisch identisch mit petrochemisch erzeugten Varianten und direkt in bestehende Wertschöpfungsketten integrierbar. Die Technologie ist laut Hersteller feedstock-flexibel: Neben gemischten Kunststoffabfällen lassen sich perspektivisch auch Biomasse-Ströme als Rohstoff nutzen.
Im Vergleich zur konventionellen, fossilbasierten BTX-Produktion reduziert das ICCP-Verfahren die Treibhausgasemissionen der resultierenden chemischen Bausteine um 70 bis 80 Prozent. Diese Emissionsminderung ist insbesondere für die Kreislaufwirtschaft in der Bauchemie relevant: Dämmstoffe auf Basis von MDI/TDI – wie PIR- und PUR-Schäume – sind in der energetischen Sanierung von Gebäuden zentral. Eine klimaneutrale Rohstoffbasis für diese Produkte könnte deren EPD-Werte signifikant verbessern.
Strategische Bedeutung für Covestro
"Wir haben die Fortschritte von BioBTX über Jahre hinweg verfolgt und freuen uns sehr, nun den Punkt zu sehen, an dem sich die Technologie im industriellen Maßstab beweist", sagt Dr. Thorsten Dreier, Chief Technology Officer bei Covestro. "Dies markiert einen sehr wichtigen Schritt. Darüber hinaus verarbeitet sie gemischte Kunststoffabfälle anstelle eines einzelnen sortierten Stroms, was genau die Art von Recycling ist, die wir in größerem Maßstab benötigen, um eine Kreislaufwirtschaft zur Realität werden zu lassen."
Covestro selbst strebt an, bis 2035 klimaneutral für Scope 1 und Scope 2 zu werden; auch die Scope-3-Emissionen des Konzerns sollen bis 2050 klimaneutral sein. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Covestro einen Umsatz von 12,9 Milliarden Euro und beschäftigte zum Jahresende rund 17.600 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente) an 46 Produktionsstandorten weltweit. Die Partnerschaft mit BioBTX ist Teil dieser Strategie: Sie sichert Zugang zu dekarbonisierten Vorprodukten für Polyurethan-Dämmstoffe und andere Hochleistungspolymere.
14 Jahre Entwicklung vom Labor zur kommerziellen Anlage
"Das Erreichen dieses wichtigen Meilensteins in der Entwicklung von BioBTX markiert einen bedeutenden Schritt auf unserem Weg zu unserer Mission, zirkuläre Chemie möglich zu machen. Ich bin sehr stolz auf das gesamte BioBTX-Team und die Anteilseigner, deren Engagement und Einsatz diese Leistung ermöglicht haben. Wir werden unsere weltweit erste vollständig nachhaltige Aromatenanlage bauen. Eine großartige Errungenschaft!", sagt Ton Vries, Mitgründer und CEO von BioBTX.
Dieser Meilenstein schließt eine 14-jährige Entwicklung ab: Von der Idee 2012 über Labor- und Pilot-Maßstab bis zur kommerziellen Umsetzung. Während sich die erste Anlage auf gemischte Kunststoffabfälle konzentriert, ist das ICCP-Verfahren feedstock-flexibel und kann zukünftig auf weitere Rohstoffquellen wie Biomasse erweitert werden. Der Standort im Chemiepark Delfzijl bietet Zugang zu bestehender Infrastruktur und Logistik für die Integration in regionale Wertschöpfungsketten.
Einordnung für die Baubranche
Die Entwicklung von BioBTX ist für die Baubranche vor allem im Kontext der energetischen Sanierung relevant. PUR- und PIR-Dämmstoffe werden in Fassaden, Dächern und Kühlketten verbaut. Deren Vorprodukte – MDI und TDI – basieren heute überwiegend auf fossilen Rohstoffen. Eine skalierbare Quelle für biobasierte oder aus Abfall gewonnene Aromaten könnte den CO₂-Fußabdruck dieser Dämmstoffe erheblich senken und Herstellern helfen, verschärfte Anforderungen an Umweltproduktdeklarationen und Nachhaltigkeitszertifizierungen zu erfüllen.
Die Technologie steht in direkter Konkurrenz zu anderen chemischen Recyclingverfahren wie der Depolymerisation oder dem Crack-Verfahren für sortenreine Kunststoffströme. Der entscheidende Vorteil von BioBTX: Die Verarbeitung gemischter Abfallströme – also genau jener Fraktionen, für die bislang kaum wirtschaftliche Recycling-Pfade existieren. Das adressiert ein zentrales Problem der Kreislaufwirtschaft im Bausektor: die stoffliche Verwertung von Verbundbaustoffen und Mehrkomponenten-Abbruchmaterialien.
Ob sich das Verfahren im industriellen Maßstab bewährt und wie schnell weitere Anlagen folgen, bleibt abzuwarten. Die Investitionsentscheidung für die Delfzijl-Anlage wurde im August 2026 getroffen; ein konkreter Inbetriebnahme-Termin wurde bislang nicht genannt. Für Hersteller von Dämmstoffen und Bauchemikalien ist der Aufbau einer skalierbaren Lieferkette für dekarbonisierte Aromaten jedoch ein strategischer Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität.