DGNB-Stand 2026: Das Bewertungs-System im Überblick

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat mit der Version 2026 ihres Zertifizierungs-Systems die bislang umfassendste Überarbeitung vorgenommen. Im Zentrum steht die verpflichtende Lebenszyklusanalyse (LCA) für alle Neubau-Projekte sowie die Einführung eines „Ambitionierten Klimaschutzfahrplans" für Gebäude, die zum Fertigstellungszeitpunkt noch nicht netto-treibhausgasneutral betrieben werden können. Das DGNB-System 2026 bewertet Nachhaltigkeit über sechs Themenfelder: Ökologie, Ökonomie, soziokulturelle und funktionale Qualität, Technik, Prozess sowie Standort. Die Gewichtung der Themenfelder wurde 2026 angepasst: ENV1.1 (Lebenszyklusbilanzen) ist nun Pflichtkriterium, ENV1.2 fordert die Einhaltung einer definierten Qualitätsstufe beim Global Warming Potential (GWP). Anders als bei LEED und BREEAM, die primär auf Ja/Nein-Erfüllungen basieren, arbeitet das DGNB-System mit einem differenzierten Bewertungs-Score von 0-100 Prozent pro Kriterium.

Für Projektentwickler und Bauherren bedeutet dies: Die reine Fokussierung auf Energieeffizienz reicht nicht mehr. Die graue Energie der Baustoffe, Rückbaubarkeit, Materialherkunft und Kreislauffähigkeit werden gleichgewichtet. Unternehmen wie Heidelberg Materials, Holcim und Wienerberger haben reagiert und bieten inzwischen produktspezifische EPDs (Environmental Product Declarations) mit detaillierten GWP-Werten an. Knauf, Rockwool und Steico liefern Dämmprodukte mit nachweisbaren Lambda-Werten (λ ≤ 0,035 W/mK) und niedrigen Embodied-Carbon-Werten (< 5 kg CO₂-eq/kg). Stahlhersteller wie SSAB und Salzgitter investieren in fossilfrei produzierten Stahl (GWP < 0,4 kg CO₂-eq/kg gegenüber konventionell ~2,0 kg CO₂-eq/kg). Stora Enso positioniert Holzbaustoffe mit negativen GWP-Werten durch biogene Kohlenstoffspeicherung.

Der Marktanteil DGNB-zertifizierter Gebäude im DACH-Raum liegt 2026 bei etwa 18 Prozent aller gewerblichen Neubauten über 5.000 m² BGF, Tendenz steigend. Die Anzahl lizenzierter DGNB-Auditor:innen überschritt 2025 die Marke von 4.200 Personen weltweit, davon rund 2.900 im DACH-Raum.

Bewertungs-System DGNB: Themenfelder und Kriterien

Das DGNB-System 2026 gliedert sich in sechs Themenfelder, die jeweils unterschiedlich gewichtet werden. Insgesamt gibt es rund 40 Kriteriensteckbriefe, die individuell mit 0-10 Punkten bewertet werden. Die Gewichtung und Anzahl der Kriterien variiert je nach Nutzungsprofil (Büro, Wohnen, Gewerbe, Quartier).

Themenfeld Ökologie (ENV) – Gewichtung ca. 22,5%

ENV1.1 – Ökobilanz des Gebäudes (LCA): Pflichtkriterium. Bewertet werden die Umweltwirkungen über den gesamten Lebenszyklus in den Modulen A1-A3 (Herstellung), A4-A5 (Errichtung), B4 (Ersatz), B6 (Betriebsenergie), C3-C4 (Entsorgung) und D (Recycling-Potenzial) nach DIN EN 15978. Bewertungsgrößen: GWP (Global Warming Potential in kg CO₂-eq/m²a), ODP (Ozone Depletion Potential), AP (Acidification Potential), EP (Eutrophication Potential), POCP (Photochemical Ozone Creation Potential), PENRT (nicht erneuerbare Primärenergie).

ENV1.2 – Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus: Einhaltung definierter Qualitätsstufen für GWP. Seit 2026 gilt: Neubau Büro/Verwaltung max. 18 kg CO₂-eq/m²a (Qualitätsstufe 1), max. 24 kg CO₂-eq/m²a (Qualitätsstufe 2). Bei Nicht-Einhaltung: Vorlage eines „Ambitionierten Klimaschutzfahrplans" mit konkreten Maßnahmen und Zeitplan für Netto-Null-Betrieb.

ENV2.1 – Risiken für die lokale Umwelt: Bewertung von Boden, Wasser, Luft. Vermeidung von Schadstoffemissionen während Bauphase und Betrieb. Relevanz: Altlasten, Grundwasserschutz, Bodenversiegelung.

ENV2.2 – Nachhaltige Materialgewinnung: Anteil zertifizierter Materialien (FSC, PEFC für Holz; Recycling-Anteil bei Stahl, Beton). Wienerberger-Ziegel mit mind. 10% Recycling-Anteil, Holcim-Beton mit mind. 30% Zementklinker-Substitution durch Hüttensand oder Flugasche.

Themenfeld Ökonomie (ECO) – Gewichtung ca. 22,5%

ECO1.1 – Lebenszykluskosten (LCC): Berechnung nach DIN 18960. Investitionskosten (KG 300, 400 nach DIN 276), Betriebskosten über 50 Jahre (Energie, Wasser, Reinigung, Instandhaltung), Rückbaukosten. Benchmark: Kosten ≤ Referenzwert des Nutzungsprofils.

ECO2.1 – Wertstabilität: Drittverwendungsfähigkeit, Flächeneffizienz (Verhältnis NUF/BGF ≥ 0,75 für Büro), Umnutzungsfähigkeit (modulare Raster, variable Trennwände).

Themenfeld Soziokulturelle und funktionale Qualität (SOC) – Gewichtung ca. 22,5%

SOC1.1 – Thermischer Komfort: Einhaltung DIN EN 16798-1 Kategorie II (operative Temperatur Winter 20-24°C, Sommer 23-26°C). Nachweis durch thermische Simulation oder vereinfachtes Verfahren.

SOC1.2 – Innenraumluftqualität: VOC-Emissionen (TVOC < 1000 µg/m³ nach 28 Tagen gemäß AgBB-Schema), CO₂-Konzentration < 1000 ppm im Betrieb. Materialauswahl: emissionsarme Bodenbeläge, Wandfarben, Klebstoffe.

SOC1.7 – Visueller Komfort: Tageslichtquotient ≥ 2% in mind. 60% der Nutzfläche, Blend- und Reflexionsschutz, Farbwiedergabeindex Ra ≥ 80 bei Kunstlicht.

Themenfeld Technik (TEC) – Gewichtung ca. 22,5%

TEC1.1 – Brandschutz: Übertreffen der gesetzlichen Mindestanforderungen. Verwendung nicht brennbarer Baustoffe (A1, A2-s1,d0 nach DIN EN 13501-1) in kritischen Bereichen. Rockwool-Steinwolle (A1), Knauf-Gipsplatten (A2-s1,d0).

TEC1.6 – Rückbaubarkeit und Recycling: Trennbarkeit der Bauteile, Materialpass (seit 2026 Pflicht für Gold/Platin), Verwendung sortenreiner Materialien. SSAB-Stahl: 100% recyclingfähig, identische Eigenschaften nach Re-Melting.

Themenfeld Prozess (PRO) – Gewichtung ca. 10%

PRO1.1 – Qualität der Projektvorbereitung: Nachhaltigkeitskonzept in Vorplanungsphase (HOAI Lph 1-2), integrale Planung, Zieldefinition mit messbaren KPIs.

PRO2.1 – Baustelle / Bauprozess: Abfallmanagement, Lärmschutz, Luftreinhaltung, Trinkwasserschutz auf Baustelle. Dokumentation Entsorgungsnachweise nach KrWG.

Themenfeld Standort (SITE) – wird nicht bewertet, aber dokumentiert

Mikrostandort: Infrastruktur, ÖPNV-Anbindung, Lärmbelastung, Freiraumqualität. Keine direkte Punktvergabe, aber Einfluss auf Gesamtbewertung über Kontextfaktoren.

Punkte-Logik: Bronze, Silber, Gold, Platin

Die DGNB-Zertifizierung vergibt vier Qualitätsstufen basierend auf dem Gesamterfüllungsgrad in Prozent. Jedes Kriterium wird mit 0-10 Punkten bewertet, gewichtet und zu einem Gesamt-Score aggregiert.

Zertifikatsstufe Gesamterfüllungsgrad Mindestanforderungen Typische Marktposition 2026
Platin ≥ 80% ENV1.1 + ENV1.2 erfüllt, Materialpass vollständig, mind. 3 Kriterien mit ≥ 90% Erfüllung Premium-Büro, Leuchtturmprojekte, ca. 8% der DGNB-Zertifikate
Gold ≥ 65% ENV1.1 erfüllt, ENV1.2 Qualitätsstufe 2 oder Klimaschutzfahrplan, Materialpass für tragende Konstruktion Standard bei ESG-Investoren, ca. 45% der DGNB-Zertifikate
Silber ≥ 50% ENV1.1 erfüllt, Klimaschutzfahrplan bei Nicht-Erfüllung ENV1.2 Einstiegslevel Neubau, ca. 35% der DGNB-Zertifikate
Bronze ≥ 35% ENV1.1 erfüllt Selten bei Neubau, häufiger bei Bestandszertifizierung, ca. 12%

Rechenbeispiel Büro-Neubau 8.500 m² BGF: Angenommene Bewertungen: ENV (Ökologie) 72%, ECO (Ökonomie) 68%, SOC (Soziokultur) 75%, TEC (Technik) 65%, PRO (Prozess) 80%. Gewichtete Berechnung: (72% × 0,225) + (68% × 0,225) + (75% × 0,225) + (65% × 0,225) + (80% × 0,10) = 16,2% + 15,3% + 16,9% + 14,6% + 8,0% = 71,0%. Resultat: Gold-Zertifikat.

Kritisch für die Erreichung hoher Punktzahlen: ENV1.1 (Ökobilanz) erlaubt max. 10 Punkte bei GWP ≤ 12 kg CO₂-eq/m²a (Neubau Büro). Typische Werte 2026: Massivbau (Beton/Ziegel) ohne Optimierung 28-35 kg CO₂-eq/m²a, Holzhybridbau 8-15 kg CO₂-eq/m²a, Holzbau massiv 2-8 kg CO₂-eq/m²a (inkl. biogener Speicherung). Stora Enso CLT (Cross Laminated Timber) erreicht -18 kg CO₂-eq/m³ (negativ durch biogene Speicherung > Produktions-Emissionen).

Lebenszyklusanalyse als Pflicht-Element

Seit Version 2026 ist die Lebenszyklusanalyse (LCA) nach DIN EN 15978 für alle DGNB-Neubau-Zertifizierungen verpflichtend. Die Bewertung erfolgt für einen Betrachtungszeitraum von 50 Jahren. Folgende Module müssen bilanziert werden:

  • Modul A1-A3 (Herstellung): Rohstoffgewinnung, Transport, Produktion. Haupteinfluss: Beton (GWP 150-320 kg CO₂-eq/m³), Stahl (1.800-2.200 kg CO₂-eq/t konventionell, 300-500 kg CO₂-eq/t SSAB fossilfrei), Dämmung (Steinwolle 1,2 kg CO₂-eq/kg, EPS 3,2 kg CO₂-eq/kg, Holzfaser -0,8 kg CO₂-eq/kg).
  • Modul A4-A5 (Errichtung): Transport zur Baustelle, Einbau, Baustellenbetrieb. Typisch 5-12% des Gesamt-GWP.
  • Modul B4 (Ersatz): Austausch von Bauteilen mit Nutzungsdauer < 50 Jahre. Fenster (ND 35a), Bodenbeläge (ND 15-25a), Haustechnik (ND 15-25a). Einfluss: 15-25% des Gesamt-GWP.
  • Modul B6 (Betriebsenergie): Heizung, Kühlung, Lüftung, Beleuchtung über 50 Jahre. Bewertung mit Primärenergiefaktoren nach GEG 2024 (Strom fp = 1,8; Fernwärme fp = 0,7-1,3; Gas fp = 1,1). Bei Passivhaus (Heizwärmebedarf ≤ 15 kWh/m²a) sinkt B6-Anteil auf < 30% des Gesamt-GWP.
  • Modul C3-C4 (Entsorgung): Abbruch, Deponierung, Verbrennung. Holz: energetische Verwertung +0,05 kg CO₂-eq/kg, Beton: Recycling zu RC-Gestein -2 kg CO₂-eq/m³.
  • Modul D (Gutschriften): Recycling-Potenzial, Wiederverwendung. Stahl: -1.200 kg CO₂-eq/t bei 100% Recycling, Holz: bis -1.800 kg CO₂-eq/m³ bei Kaskadennutzung.

Die DGNB fordert die Verwendung von Ökobilanzdaten aus geprüften EPDs (Environmental Product Declarations) nach DIN EN 15804+A2. Hersteller wie Heidelberg Materials (EvoZero Beton mit GWP < 100 kg CO₂-eq/m³), Holcim (ECOPact mit -30% GWP), Knauf (Diamant-Gipsplatten mit EPD) stellen produktspezifische Daten bereit. Für generische Datensätze ist die ÖKOBAUDAT des BMWSB maßgeblich.

Praxis-Herausforderung: Viele Planungsbüros unterschätzen den Aufwand für die LCA. Erforderlich: BIM-Modell mit Massen-Export (LOD 300 mindestens), Zuordnung von EPDs zu jedem Bauteil, Software wie eLCA, One Click LCA oder Tally. Zeitaufwand: 80-150 Stunden für 10.000 m² BGF, abhängig von Gebäudekomplexität und Datenqualität.

Materialpass und Cradle-to-Cradle-Bonus

Der Materialpass ist seit DGNB 2026 für Gold- und Platin-Zertifikate verpflichtend. Er dokumentiert Art, Menge, Herkunft und Recyclingfähigkeit aller verbauten Materialien. Ziel: Kreislaufwirtschaft ermöglichen, Sekundärrohstoffe sichern, Rückbaubarkeit garantieren.

Inhalt Materialpass (Mindestanforderungen)

  • Bauteilkatalog: Alle tragenden und nicht-tragenden Bauteile mit Materialnamen, Hersteller, Produktnummer, verbauter Masse (kg), Einbau-Datum.
  • Verbindungstechniken: Dokumentation mechanischer (reversibel: Schrauben, Klemmen) vs. stofflicher Verbindungen (nicht-reversibel: Kleben, Schweißen). Ziel: Trennbarkeit ≥ 80 Masse-% für Recycling.
  • Schadstoff-Register: Kennzeichnung von Materialien mit bedenklichen Inhaltsstoffen (PVC, Flammschutzmittel, HBCD, Asbest bei Bestand). Gemäß REACH-Verordnung, SCIP-Datenbank.
  • Recycling-Potenzial: Angabe Recycling-Quote (%) nach DIN EN 15804 Modul D. Stahl 100%, Holz 85%, Beton 95% (als RC-Gestein), Gipsplatten 90%.
  • Digitale Verfügbarkeit: BIM-Integration als IFC-Datensatz oder Madaster-Plattform. Export-Schnittstellen zu Rückbau-Planungstools.

Cradle-to-Cradle-Bonus (C2C)

DGNB vergibt Bonuspunkte bei Verwendung C2C-zertifizierter Produkte (Bronze, Silber, Gold, Platin nach Cradle to Cradle Certified®-Standard). Anforderungen: Material Health (keine CMR-Stoffe), Material Reutilization (Recycling-Design), Renewable Energy (Produktion mit ≥ 50% EE), Water Stewardship, Social Fairness.

Beispiele 2026: Steico-Holzfaserdämmstoffe (C2C Silver), Interface-Teppichfliesen (C2C Gold), Desso-Teppiche (C2C Silver). Bonuspunkte in TEC1.6 (Rückbaubarkeit): +1-3 Punkte je nach C2C-Level und Massenanteil am Gesamtgebäude (Schwelle: ≥ 30 Masse-% C2C-zertifiziert für maximalen Bonus).

Wirtschaftlicher Aspekt: Materialpass-Erstellung kostet 8.000-25.000 EUR je nach Gebäudegröße. Amortisation durch höhere Verkaufspreise (ESG-Premium 3-8%) und reduzierten Rückbaukosten (30-50% niedriger bei geplanter Demontage vs. konventionellem Abbruch).

Kosten der DGNB-Zertifizierung

Die Gesamtkosten einer DGNB-Zertifizierung setzen sich aus drei Hauptpositionen zusammen: DGNB-Systemgebühren, Auditor:innen-Honorar und Mehraufwand Planung/Dokumentation.

DGNB-Systemgebühren (Stand 2026)

Die DGNB erhebt gestaffelte Gebühren nach Bruttogeschossfläche (BGF). Berechnung für Vorzertifikat + Zertifikat kombiniert:

BGF (m²) Vorzertifikat (EUR) Zertifikat (EUR) Gesamt (EUR) EUR/m²
< 500 1.800 2.400 4.200 8,40
500 - 2.000 2.500 3.800 6.300 3,15 - 12,60
2.000 - 5.000 3.800 5.800 9.600 1,92 - 4,80
5.000 - 10.000 5.200 7.800 13.000 1,30 - 2,60
10.000 - 20.000 7.200 10.800 18.000 0,90 - 1,80
20.000 - 50.000 10.500 15.800 26.300 0,53 - 1,32
> 50.000 nach Vereinbarung nach Vereinbarung ~35.000 - 60.000 0,60 - 0,70

Mitglieder der DGNB erhalten 15% Rabatt. Quartiers-Zertifizierungen: Pauschal 18.000-45.000 EUR je nach Anzahl Gebäude und Gesamtfläche.

Auditor:innen-Honorar

Lizenzierte DGNB-Auditor:innen begleiten den Zertifizierungsprozess. Honorar nach HOAI-Orientierung oder Tagessätzen:

  • Kleinprojekte (< 2.000 m²): 8.000-15.000 EUR pauschal
  • Standardprojekte (2.000-10.000 m²): 18.000-45.000 EUR (ca. 1,8-4,5 EUR/m²)
  • Großprojekte (> 10.000 m²): 50.000-120.000 EUR (ca. 2,5-5,0 EUR/m²)
  • Komplexbauten (Labor, Krankenhaus): Zuschlag +30-50%

Typische Leistungen: Nachhaltigkeitskonzept (Lph 2), Kriterien-Workshops, Dokumentations-Support, LCA-Prüfung, Einreichung bei DGNB, Audit-Begleitung.

Mehraufwand Planung und Dokumentation

  • Integrale Planung: Zusätzliche Planungsrunden, Simulations-Aufwand (thermisch, Tageslicht, LCA). Schätzwert: 5-12% der Planungskosten HOAI Lph 2-5.
  • LCA-Erstellung: 15.000-40.000 EUR extern (bei spezialisierten Büros) oder 80-150 Stunden intern (bei BIM-Kompetenz).
  • Materialpass: 8.000-25.000 EUR (siehe oben).
  • Zusätzliche Messungen: Luftdichtheitsprüfung (Blower-Door) 1.500-3.500 EUR, Raumluftmessung VOC 2.000-5.000 EUR, thermografische Untersuchung 3.000-8.000 EUR.

Gesamt-Kostenbeispiel Büro-Neubau 8.500 m² BGF

  • DGNB-Gebühren: 13.000 EUR
  • Auditor:innen-Honorar: 32.000 EUR
  • LCA-Erstellung: 28.000 EUR
  • Materialpass: 18.000 EUR
  • Mehraufwand Planung (8% von 950.000 EUR): 76.000 EUR
  • Messungen: 7.000 EUR
  • Gesamt: 174.000 EUR (20,47 EUR/m²)

Relation zu Gesamtbaukosten: Bei 3.200 EUR/m² BGF (üblich für Büro-Standard) entspricht dies 0,64% der Baukosten. Return on Investment: ESG-Premium am Markt 3-8%, höhere Vermietungsquoten (durchschnittlich +12% schneller vermietet), niedrigere Betriebskosten (-15-25% Energie).

Auditor:innen-Auswahl und Prozess

Die Auswahl qualifizierter DGNB-Auditor:innen ist erfolgskritisch. Seit 2026 differenziert die DGNB zwischen „DGNB Consultant" (Vorzertifikat) und „DGNB Auditor" (Endzertifikat). Nur Auditor:innen dürfen finale Zertifikate einreichen.

Qualifikations-Anforderungen DGNB Auditor (2026)

  • Abgeschlossenes Studium Architektur, Bauingenieurwesen, TGA, Umweltingenieurwesen oder vergleichbar
  • Mindestens 3 Jahre Berufserfahrung in Planung oder Projektentwicklung
  • DGNB-Auditor-Schulung (5 Tage Präsenz + Online-Module, ca. 60 Unterrichtseinheiten)
  • Bestandene DGNB-Auditor-Prüfung (schriftlich 180 Min., mündlich 45 Min.)
  • Jährliche Fortbildung (16 Unterrichtseinheiten Pflicht) zur Lizenz-Verlängerung

Kosten der Ausbildung: 3.200-3.800 EUR (Mitglieder), 4.200-4.800 EUR (Nicht-Mitglieder). Zusätzlich: Jahresgebühr Lizenz 480 EUR.

Auswahlkriterien für Bauherren

  1. Referenzen: Mindestens 3 abgeschlossene Zertifizierungen im gewünschten Nutzungsprofil. Anfrage bei DGNB nach Auditor:innen-Datenbank (öffentlich einsehbar mit Projektliste).
  2. Regionaler Bezug: Kenntnis lokaler Baubehörden, Materialverfügbarkeit (z.B. Holzbau-Kompetenz in Vorarlberg, Stahlbau in NRW).
  3. BIM-Kompetenz: Erfahrung mit IFC-Export, LCA-Software-Kopplung (One Click LCA, eLCA), Materialpass-Generierung.
  4. Spezialisierung: Manche Auditor:innen auf Wohnbau, andere auf Gewerbe, Industrie oder Quartiere fokussiert.
  5. Honorarmodell: Pauschalhonorar vs. Tagessatz (Standard 1.200-1.800 EUR/Tag). Transparenz über Nebenkosten (Reise, Software-Lizenzen).

Prozess-Ablauf DGNB-Zertifizierung

Phase 1 – Konzeption (HOAI Lph 1-2): Kick-off-Workshop, Definition Nachhaltigkeitsziele, Kriterien-Auswahl (Pflicht + Wahl), Zielvereinbarung Erfüllungsgrad (z.B. Gold-Ziel = 65%). Dauer: 2-4 Wochen.

Phase 2 – Entwurf/Genehmigung (Lph 3-4): Kriterien-Checks, erste LCA-Berechnung (Varianten-Vergleich), Optimierungs-Workshops (z.B. Dämmstoff-Wahl: Rockwool vs. Steico), Materialvorauswahl. Dauer: 3-6 Monate.

Phase 3 – Vorzertifikat (optional, nach Lph 4): Einreichung Planungsstand bei DGNB, vorläufige Bewertung, Vorzertifikat als Vermarktungsinstrument. Bearbeitungszeit DGNB: 6-8 Wochen. Gültigkeit Vorzertifikat: 3 Jahre (verlängerbar).

Phase 4 – Ausführung (Lph 5-8): Dokumentation Baustellenprozess (PRO2.1), Nachweise Materiallieferungen (EPDs, Zertifikate), Qualitätssicherung (Luftdichtheit, VOC-Messungen). Dauer: Bauzeit + 2 Monate Nachdokumentation.

Phase 5 – Zertifikat (nach Fertigstellung): Finale LCA mit As-built-Daten, Materialpass-Finalisierung, Einreichung durch Auditor:in, DGNB-Prüfung (Konformitäts-Check + inhaltliche Bewertung), Zertifikats-Verleihung. Bearbeitungszeit DGNB: 8-12 Wochen. Gültigkeit Zertifikat: unbegrenzt (Gebäudezustand bei Fertigstellung).

Phase 6 – Betrieb (optional): Re-Zertifizierung „Buildings in Use" nach 3 Jahren Betrieb. Bewertung tatsächlicher Verbräuche, Nutzerzufriedenheit, Instandhaltungsqualität.

DGNB vs. BNB vs. LEED vs. BREEAM (Tabelle)

Im internationalen Vergleich konkurrieren vier Haupt-Zertifizierungssysteme. DGNB (Deutschland), BNB (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen, nur öffentliche Bauten Deutschland), LEED (USA), BREEAM (UK). Die folgende Tabelle zeigt Unterschiede in Methodik, Verbreitung und Fokus:

Kriterium DGNB 2026 BNB 2023 LEED v4.1 BREEAM Int. 2016
Herkunftsland Deutschland Deutschland (BMWSB) USA (USGBC) UK (BRE)
Verbreitung (Anzahl Zertifikate 2026) ~7.200 (DACH: 5.800) ~1.400 (nur öffentliche Bauten) ~105.000 (weltweit) ~590.000 (weltweit, inkl. In-Use)
Bewertungsmethode Performance-Score 0-100%, gewichtet nach Themenfeldern Performance-Score 0-100%, identisch zu DGNB-Struktur Punkte-System 0-110 Credits, Ja/Nein-Erfüllung Punkte-System 0-100+ Credits, Ja/Nein mit Gewichtung
Zertifikatsstufen Bronze (35%), Silber (50%), Gold (65%), Platin (80%) Konform (≥ 50%) Certified (40-49 P), Silver (50-59), Gold (60-79), Platinum (80+) Pass (30%), Good (45%), V.Good (55%), Excellent (70%), Outstanding (85%)
LCA verpflichtend Ja, vollständig A-D Module Ja, identisch zu DGNB Nein (optional 1-6 Credits) Nein (optional in Mat 01)
Fokus Energie 22,5% (Teil ENV + ECO) 22,5% (identisch) ~33% (Energy & Atmosphere) ~19% (Energy)
Fokus Materialien 18% (ENV2.2, TEC1.6, etc.) 18% ~13% (Materials & Resources) ~12,5% (Materials)
Soziale Aspekte 22,5% (SOC-Themenfeld) 22,5% ~15% (Indoor Env. Quality) ~10% (Health & Wellbeing)
Kosten-Bewertung Ja, LCC-Berechnung 50 Jahre Ja, identisch Nein Nein (nur Life Cycle Costing optional)
Regionalität DACH-Normen (DIN), klimatische Anpassung Nur Deutschland, BNB-Pflicht ab 2 Mio. EUR Baukosten Weltweit, US-Normen (ASHRAE), regionale Credits Weltweit, UK-Normen, länderspezifische Anpassungen
Gebühren (8.500 m²) 13.000 EUR Kostenlos (staatlich) ~7.500 USD (~7.000 EUR) ~£5.500 (~6.500 EUR)
Gesamt-Zertifizierungskosten (8.500 m²) 170.000-220.000 EUR 90.000-140.000 EUR 120.000-180.000 EUR 110.000-160.000 EUR
Marktakzeptanz DACH Sehr hoch (Standard ESG-Reporting) Nur öffentliche Bauten Mittel (international tätige Investoren) Niedrig (UK-Fokus)

Strategische Unterschiede

DGNB: Ganzheitlichster Ansatz mit gleichgewichteten Säulen Ökologie, Ökonomie, Soziales. Stärkster Fokus auf Lebenszykluskosten und technische Qualität. Ideal für DACH-Markt wegen normativer Kompatibilität (DIN, ÖNORM, SIA).

BNB: Identisch zu DGNB in Methodik, aber nur für öffentliche Bauten ab 2 Mio. EUR Baukosten verpflichtend (Rundschreiben BMWSB 2019). Keine Wettbewerbssituation zu DGNB, sondern Ergänzung.

LEED: Global dominierend, aber energiezentriert. Schwäche: keine verpflichtende LCA, dadurch „Greenwashing"-Risiko (hohe Betriebseffizienz, aber graue Energie ignoriert). Vorteil: weltweite Markenbekanntheit, hilfreich bei internationalen Investoren (z.B. US-Pensionsfonds).

BREEAM: Ältestes System (seit 1990), hohe Verbreitung in UK, Benelux, Skandinavien. In DACH wenig relevant. Stärke: sehr detaillierte Kriterien für Wasser-Management und Biodiversität.

Doppelzertifizierung: Etwa 12% der DGNB-Projekte im DACH-Raum erwerben zusätzlich LEED (Kosten +60.000-100.000 EUR). Motivation: internationale Investoren-Anforderungen, bessere Vergleichbarkeit in globalen Portfolios.

DGNB-Quartiere und Bestandsbau

DGNB System Stadtquartiere

Seit 2012 bietet die DGNB Quartiers-Zertifizierung an. Bewertung auf drei Ebenen: städtebauliche Struktur, technische Infrastruktur, Einzelgebäude. Themenfelder teilweise abweichend: stärkere Gewichtung Mobilität, soziale Mischung, Biodiversität.

Kriterien-Besonderheiten Quartier:

  • TEC1.5 – Mobilitätsinfrastruktur: ÖPNV-Anbindung (Haltestellendichte ≥ 4/km², Taktung ≤ 10 Min. Hauptverkehrszeit), Radwege (≥ 2 m Breite, getrennt von Fußverkehr), E-Ladeinfrastruktur (1 Ladepunkt / 10 PKW-Stellplätze), Car-Sharing-Angebote.
  • ENV2.3 – Biodiversität: Biotopflächenfaktor ≥ 0,6 (Berlin) bzw. 0,5 (München), Dachbegrünung ≥ 40% Dachfläche, Regenwasser-Versickerung vor Ort ≥ 70%.
  • SOC1.5 – Soziale Infrastruktur: Kita-Plätze (0,5 Plätze / Wohneinheit für 0-6 Jahre), Nahversorgung (Vollsortiment-Supermarkt ≤ 500 m Fußweg), medizinische Versorgung (Hausarzt ≤ 1.000 m).

Zertifizierte Quartiere 2026 (Auswahl): Heidelberg Bahnstadt (Platin, 12.000 Einwohner, GWP-Bilanz Wärme-Netz 28 kg CO₂-eq/MWh durch Holz-Hackschnitzel-KWK), Hamburg HafenCity (Gold), München Prinz-Eugen-Park (Gold, 1.800 Wohnungen, dezentrale Regenwasser-Bewirtschaftung 85%).

DGNB System Buildings in Use (Bestand)

Für Bestandsgebäude existiert seit 2014 „Buildings in Use". Bewertung basiert auf tatsächlichen Betriebsdaten (3 Jahre Monitoring erforderlich). Fokus: Energieverbrauch real, Nutzerzufriedenheit, Instandhaltungsqualität.

Unterschiede zum Neubau-System:

  • ENV1.1: Bewertung anhand tatsächlichem Endenergieverbrauch (kWh/m²a), nicht berechnetem Bedarf. Benchmark: Median VDI 3807 oder BMWSB-Verbrauchskennwerte.
  • SOC1.8: Nutzerbefragung verpflichtend (Response-Rate ≥ 30%, Zufriedenheitsindex ≥ 70% für Gold).
  • TEC1.4: Instandhaltungsplan nach DIN 31051, Nachweis durchgeführter Wartungen, Budget ≥ 1,5% Wiederbeschaffungswert/Jahr.

Typische Anwendungsfälle: Asset-Optimierung bei Bestandsportfolios, ESG-Reporting börsennotierter Immobilien-AGs, Miet-Vermarktung („Prime-Objekt mit DGNB Gold in Use").

Kosten Bestandszertifizierung: 30-50% niedriger als Neubau, da Bauphase entfällt. DGNB-Gebühren identisch, aber Auditor:innen-Aufwand reduziert (15.000-35.000 EUR für 8.500 m²).

Markttrends 2026: was sich ändert

Der DGNB-Markt zeigt 2026 mehrere Entwicklungen, die Baustoffhersteller, Planer und Investoren beeinflussen:

1. EU-Taxonomie als Treiber

Die EU-Taxonomie-Verordnung (2020/852) definiert technische Bewertungskriterien für „ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten". Für Neubau gilt seit 2023: Primärenergiebedarf ≥ 10% unter NZEB-Anforderungen (Nearly Zero Energy Building), GWP < Schwellenwert (ab 2027: 400 kg CO₂-eq/m² für Wohngebäude). DGNB-Zertifikate ab Gold erfüllen Taxonomie-Kriterien automatisch. Folge: Investoren fordern DGNB als Taxonomie-Nachweis, Finanzierungskonditionen verbessern sich (Green Loans: Zinsvorteil 0,1-0,3%-Punkte).

2. Materialpass wird Standard

Ab 2028 fordert die EU-Bauprodukte-Verordnung (Construction Products Regulation CPR 2.0, Entwurf 2024) digitale Produktpässe für alle Bauprodukte. DGNB ist Vorreiter: Materialpass-Pflicht seit 2026 für Gold/Platin. Hersteller investieren in digitale Lösungen (Heidelberg Materials EPD-Generator, Wienerberger BIM-Objekte mit integriertem Materialpass, Knauf Madaster-Integration). Markteffekt: Nicht-digitalisierte Produkte verlieren Marktanteile.

3. Holzbau-Boom

Anteil Holzbau bei DGNB-zertifizierten Projekten stieg von 8% (2020) auf 23% (2026). Grund: GWP-Vorteile, Vorfertigung (Bauzeit -30%), gestalterische Qualität. Stora Enso CLT erreicht in DGNB-Projekten durchschnittlich ENV1.1-Bewertung 9,2/10 Punkte. Limitierung: Brandschutz-Auflagen bei Gebäudeklasse 5 (> 13 m Höhe) erfordern Hybridlösungen (Holz + Beton-Kerne). Salzgitter und SSAB entwickeln Stahl-Holz-Verbundsysteme.

4. Kreislaufwirtschaft-Bonus

DGNB diskutiert für Version 2027 zusätzliches C2C-Kriterium (Circular Economy Readiness). Geplant: Bewertung des Urban Mining Index (UMI) nach Madaster-Methodik (Massenanteil wiederverwertbarer Materialien × Trennbarkeit × Schadstofffreiheit). Schwellenwerte Entwurf: UMI ≥ 75% für 10 Punkte. Auswirkung: Rockwool (100% Recycling-Quote Steinwolle) und Steico (85% Recycling-Quote Holzfaser) profitieren.

5. Quartiers-Fokus nimmt zu

50% der DGNB-Neuzertifikate 2025 waren Quartiere (vs. 30% in 2020). Treiber: Klimaneutralitätsziele der Kommunen (z.B. München 2035, Wien 2040), Förderprogramme (KfW 432 „Energetische Stadtsanierung"), Skaleneffekte bei Energie-Infrastruktur (zentrale Wärmenetze mit 80% EE-Anteil erreichen GWP < 50 kg CO₂-eq/MWh). DGNB-Quartiere integrieren zunehmend Sektorenkopplung (PV + Wärmepumpe + Batterie + E-Mobilität).

6. Bestandsquote steigt

Anteil Bestandszertifizierungen („Buildings in Use") stieg auf 28% (2026) vs. 12% (2020). Grund: Bestand macht 99% des Gebäudebestands aus, Neubau nur 1% jährlich. ESG-Reporting (CSRD, SFDR) erfordert Portfolio-Bewertung. Herausforderung: energetische Sanierungstiefe oft unzureichend für Gold (erforderlich: U-Wert Außenwand ≤ 0,20 W/m²K, Fenster ≤ 0,95 W/m²K, Dach ≤ 0,14 W/m²K). Knauf und Rockwool bieten Dämm-Systeme speziell für Bestandssanierung (WLS 032, Dicken 140-240 mm).

FAQ – Häufig gestellte Fragen zur DGNB-Zertifizierung 2026

1. Ist DGNB-Zertifizierung verpflichtend?

Nein, DGNB ist freiwillig. Ausnahme: Öffentliche Bauten in Deutschland ab 2 Mio. EUR Baukosten unterliegen der BNB-Pflicht (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen, methodisch identisch zu DGNB). Einige Bundesländer (z.B. Baden-Württemberg) fordern DGNB oder BNB für landeseigene Liegenschaften per Erlass. Private Bauherren nutzen DGNB freiwillig für ESG-Reporting, Vermarktung, Fördermittel-Zugang (KfW, L-Bank).

2. Kann man DGNB nachträglich erwerben?

Neubau-Zertifikat: nur innerhalb 2 Jahre nach Fertigstellung möglich. Danach: „Buildings in Use"-Zertifikat (erfordert 3 Jahre Betriebsdaten). Vorzertifikat kann bis 3 Jahre nach Ausstellung in Endzertifikat überführt werden. Nachrüstung bei fehlendem Materialpass: möglich, aber aufwendig (Rückwirkende Dokumentation durch Bestandsaufnahme, Kosten +40-60%).

3. Welche Zertifikatsstufe ist wirtschaftlich sinnvoll?

Gold (65% Erfüllungsgrad) ist DACH-Standard für gewerbliche Neubauten. Begründung: ESG-Investoren akzeptieren Gold als Mindeststandard, Mehrkosten gegenüber Silber gering (+2-4% Baukosten), Vermarktungsvorteile signifikant (+5-8% Verkaufspreis, +3-5% Miete). Platin (80%) lohnt bei Leuchtturmprojekten (Headquarter, öffentlichkeitswirksame Bauten), Mehrkosten +8-12% vs. konventionell. Silber (50%) nur bei Budget-Restriktionen oder Bestandssanierung.

4. Wie lange dauert eine DGNB-Zertifizierung?

Gesamtdauer Planung bis Zertifikat: 24-36 Monate (parallel zur Bauzeit). Aufschlüsselung: Konzeption 1-2 Monate, Vorzertifikat-Bearbeitung durch DGNB 6-8 Wochen, Bauphase 12-24 Monate, Endzertifikat-Bearbeitung 8-12 Wochen. Kritischer Pfad: LCA-Berechnung (Iteration 3-5 Wochen), Materialpass-Erstellung (6-10 Wochen), VOC-Messungen (4 Wochen nach Fertigstellung, dann 3 Tage Messung + 2 Wochen Auswertung).

5. Was passiert bei Nicht-Bestehen?

DGNB kennt kein „Durchfallen". Jedes Projekt erhält eine Prozent-Bewertung. Falls Mindestschwelle (35% für Bronze) nicht erreicht: kein Zertifikat, aber detaillierter Bewertungs-Bericht. Bauherr kann nachbessern (z.B. zusätzliche Dämmung, Photovoltaik nachrüsten) und erneut einreichen (Zusatzkosten: 50% der ursprünglichen DGNB-Gebühr). Typischer Fall: Ziel Gold (65%), Ergebnis 62% → Silber-Zertifikat. Nachbesserung möglich binnen 12 Monaten.

6. Braucht man BIM für DGNB?

Nicht verpflichtend, aber sehr empfohlen. BIM (Building Information Modeling) erleichtert: LCA-Berechnung (automatischer Massen-Export aus Revit/ArchiCAD zu One Click LCA), Materialpass-Generierung (IFC-basiert), Kollisionsprüfung (TGA-Integration für TEC-Kriterien). Ohne BIM: manueller Massen-Aufzug aus 2D-Plänen (Zeitaufwand +80-120 Stunden). DGNB-Auditor:innen mit BIM-Expertise verlangen 10-15% höhere Honorare, sparen aber 20-30% Gesamtprojektzeit.

7. Sind regionale Baustoffe bevorzugt?

Ja, indirekt über ENV2.2 (Nachhaltige Materialgewinnung) und Modul A4 (Transport). Transportdistanz > 500 km erhöht GWP um 5-15 kg CO₂-eq/m³ (Beton/Ziegel). Beispiel: Wienerberger-Ziegel aus lokalem Werk Hennersdorf (50 km zu Wien) vs. Import aus Polen (600 km): Differenz +18 kg CO₂-eq/m³. Holz: Stora Enso Bad St. Leonhard (Kärnten) liefert CLT regional, GWP-Vorteil -12 kg CO₂-eq/m³ vs. finnische Werke. Jedoch: Produktqualität (Lambda-Wert, Festigkeit) wichtiger als reine Distanz. FSC/PEFC-Zertifikat zählt mehr als Regionalität.

8. Wie wird Bestand bewertet?

„Buildings in Use"-System bewertet IST-Zustand + Betriebsoptimierung. Energetischer Standard bei Übernahme nicht ausschlaggebend, sondern: Verbrauchskennwerte letzte 3 Jahre (witterungsbereinigt nach VDI 3807), durchgeführte Optimierungen (Hydraulischer Abgleich, LED-Umrüstung, BMS-Installation), Instandhaltungsqualität (Budgeteinhaltung, präventive Wartung). Typisches Szenario: 1980er-Büro unsaniert → Bronze möglich bei professionellem Betrieb (Verbrauch 180 kWh/m²a, aber Nutzerzufriedenheit 75%, Instandhaltung dokumentiert). Nach Sanierung (Dämmung WDVS 160 mm Rockwool, Fenster 3-fach, RLT mit WRG 85%) → Gold erreichbar (Verbrauch 65 kWh/m²a).

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Stand: Mai 2026 — quartalsweise aktualisiert. Änderungen DGNB-Kriterienkatalog, Gebühren und rechtliche Rahmenbedingungen (EU-Taxonomie, CPR 2.0) werden laufend eingearbeitet. Nächstes Update: August 2026 (nach Veröffentlichung DGNB-Jahresbericht 2025).