Der Fachverband Steine-Keramik hat seinen Jahresbericht 2025/26 veröffentlicht und liefert damit einen detaillierten Einblick in die wirtschaftliche Situation einer Branche, die sich in einem strukturellen Anpassungsprozess befindet. Die österreichische Baustoffindustrie steht unter erheblichem Druck: steigende Energiekosten, eine schwächelnde Baukonjunktur und die Notwendigkeit zur Dekarbonisierung prägen das operative Umfeld. Der Bericht fungiert als Seismograf für den Zustand eines Sektors, der zwischen Transformation und Krisenmodus navigiert.

Energiekosten und Wettbewerbsverzerrung

Die Energiekostenentwicklung bleibt ein zentrales Thema für energieintensive Bereiche wie die Produktion von Zement, Ziegel und keramischen Baustoffen. Während Deutschland und andere EU-Mitgliedstaaten staatliche Entlastungsmechanismen für die Industrie bereitstellten, hält Österreich an einer eher zurückhaltenden Förderpolitik fest. Dies führt zu strukturellen Wettbewerbsnachteilen, die im Jahresbericht klar benannt werden. Besonders betroffen sind Werke mit hohen Brenntemperaturen – etwa in der Ziegelherstellung, wo Temperaturen oberhalb von 1.000 °C für das Sintern erforderlich sind.

Die regulatorischen Rahmenbedingungen verschärfen die Lage zusätzlich: Das EU-Emissionshandelssystem (EU ETS) weitet sich aus, während Kompensationsmechanismen wie der CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) erst schrittweise wirksam werden. Für die Hersteller von Klinker und Keramikprodukten bedeutet das: höhere CO₂-Kosten bei gleichzeitig schwacher Nachfrage im Inland.

Baukonjunktur: Stillstand im Wohnbau, Dynamik im Infrastrukturbau

Der Jahresbericht zeigt eine zweigeteilte Marktsituation. Der Wohnungsneubau in Österreich stagniert seit 2023 auf niedrigem Niveau. Baugenehmigungen gehen zurück, Bauträger halten sich zurück, und die Finanzierungskosten bleiben trotz leichter Zinssenkungen hoch. Das schlägt unmittelbar auf die Nachfrage nach Beton, Kalksandstein, Dämmstoffen und Dachziegeln durch.

Demgegenüber verzeichnet der Infrastrukturbau eine stabile bis leicht positive Entwicklung. Projekte im Verkehrswegebau und der öffentlichen Infrastruktur sorgen für eine gewisse Grundauslastung bei Herstellern von Transportbeton, Betonsteinen und Pflastersteinen. Diese Zweiteilung erschwert eine klare strategische Ausrichtung für viele Werke, die traditionell auf den Hochbau fokussiert waren.

Vergleich mit anderen Märkten

Der österreichische Markt steht damit nicht allein. In Deutschland zeigt sich eine ähnliche Dynamik, wie der Artikel Wienerberger setzt auf Einfamilienhäuser: Ziegel als Ausweg aus der Wohnbaukrise? verdeutlicht. Auch dort versucht die Branche, über Segmentverschiebungen – etwa weg vom Geschosswohnungsbau hin zu individuellen Einfamilienhäusern – die Auslastung zu stabilisieren.

Dekarbonisierung: Von der Absicht zur Investition

Der Jahresbericht widmet sich ausführlich den Dekarbonisierungsstrategien. Die österreichische Baustoffindustrie hat sich zu den Klimazielen bekannt, steht aber vor der Frage, wie die notwendigen Investitionen in CO₂-arme Produktionstechnologien finanziert werden sollen. Die Umstellung auf alternative Brennstoffe, die Elektrifizierung von Prozesswärme und die Implementierung von Carbon Capture and Storage (CCS) erfordern dreistellige Millionenbeträge pro Werk.

Konkret geht es um folgende technologische Pfade:

  • Brennstoffsubstitution: Ersatz fossiler Energieträger durch Biomasse, Wasserstoff oder grünen Strom in der Ziegelherstellung und Klinkerproduktion.
  • Klinkerersatz: Erhöhung des Anteils von Hüttensand oder Flugasche in Zementen, um den Klinkerfaktor zu senken.
  • CCS/CCU: Abscheidung und Speicherung oder Nutzung von prozessbedingtem CO₂, das bei der Kalzinierung im Zementwerk unvermeidlich anfällt.

Der Fachverband fordert gezielte Förderinstrumente und regulatorische Planungssicherheit, um diese Transformation wirtschaftlich tragfähig zu gestalten. Ohne staatliche Unterstützung droht eine Abwanderung der Produktion in Länder mit geringeren Umweltauflagen – ein Szenario, das unter dem Begriff „Carbon Leakage" diskutiert wird.

Politische Forderungen: Versorgungssicherheit und Bürokratieabbau

Neben der Energie- und Klimapolitik setzt der Fachverband im Jahresbericht klare Akzente bei der Frage der Versorgungssicherheit. Die Abhängigkeit von Importen – etwa bei Zement aus dem Balkan oder bei keramischen Fliesen aus Asien – wird kritisch bewertet. Der Fachverband plädiert für eine Stärkung der regionalen Wertschöpfung und eine Bevorzugung österreichischer Baustoffe in öffentlichen Ausschreibungen, wo dies normativ und vergaberechtlich möglich ist.

Zudem wird ein Abbau bürokratischer Hürden gefordert, insbesondere bei Genehmigungsverfahren für Rohstoffabbau, Werkserweiterungen und Umweltauflagen. Die langen Vorlaufzeiten für neue Abbaugenehmigungen – teilweise über zehn Jahre – erschweren Investitionen in moderne, effizientere Anlagen.

Kreislaufwirtschaft: Vom Abfall zum Rohstoff

Ein weiteres Schwerpunktthema des Berichts ist die Kreislaufwirtschaft. Der Einsatz von Recyclingbaustoffen nimmt zu, ist aber in Österreich noch weit von den Quoten anderer EU-Länder entfernt. Die Wiederverwendung von Abbruchmaterial, die Substitution primärer Rohstoffe und die Entwicklung geschlossener Stoffkreisläufe sind Felder, in denen die Branche Nachholbedarf sieht – und Potenzial.

Technologisch ist die Integration von Recyclingzuschlägen in Beton, die Rückführung von Ziegelbruch in die Produktion oder die Aufbereitung von Baustellenabfällen zu hochwertigen Sekundärrohstoffen möglich. Was fehlt, sind verbindliche Abnahmegarantien und normative Klarstellungen, die den Einsatz von Sekundärmaterial nicht länger benachteiligen. Der Artikel Glas & Fassade in Österreich: Marktentwicklung zwischen Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft beleuchtet diese Herausforderungen auch für andere Baustoffgruppen.

Ausblick: Transformation unter Zeitdruck

Der Jahresbericht 2025/26 des Fachverbands Steine-Keramik dokumentiert eine Branche im Umbruch. Die österreichische Baustoffindustrie steht vor der Aufgabe, gleichzeitig die Produktionskosten zu senken, die CO₂-Emissionen zu reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Anbietern zu sichern. Dieser Dreiklang ist nur durch gezielte Investitionen, politische Flankierung und technologische Innovation zu bewältigen.

Der Bericht liefert keine einfachen Antworten, aber er benennt die Herausforderungen präzise. Für Planer, Architekten und Einkäufer bedeutet das: Die Verfügbarkeit, Preise und Umweltprofile von Ziegel, Beton und keramischen Baustoffen werden in den kommenden Jahren volatiler. Wer heute strategisch plant, muss die strukturellen Veränderungen auf Herstellerseite in der Materialwahl berücksichtigen.

Quellen