Der niederösterreichische Transportbetonhersteller Rohrdorfer hat Beton für ein kommunales Abwasserprojekt in Judenau geliefert. Das Unternehmen bewirbt die Lösung als nachhaltig – ein Begriff, der im Bausektor zunehmend inflationär verwendet wird. Für Sie als Verarbeiter stellt sich die Frage: Was unterscheidet diesen Beton von konventionellen Mischungen, und welche praktischen Vorteile bietet er auf der Baustelle?
Warum Abwasserprojekte besondere Anforderungen stellen
Abwasserkanäle und Kläranlagen gehören zu den anspruchsvollsten Einsatzgebieten für Beton. Sie müssen aggressive Medien wie Schwefelwasserstoff, wechselnde Feuchtigkeit und mechanische Belastungen über Jahrzehnte aushalten. Die Expositionsklassen XA2 bis XA3 sind hier keine Seltenheit. Gleichzeitig steigt der Druck auf Kommunen, ihre Infrastruktur klimaneutral zu sanieren. Die EU-Taxonomie fordert seit 2022 Nachweise über den CO₂-Fußabdruck öffentlicher Bauprojekte – und das schließt ausdrücklich Beton ein.
Rohrdorfer reagiert mit seiner Produktpalette auf diese doppelte Anforderung: Sie soll sowohl die technischen Anforderungen an Dauerhaftigkeit erfüllen als auch einen reduzierten CO₂-Ausstoß nachweisen. Das ist kein Marketing-Gag, sondern mittlerweile Voraussetzung für die Ausschreibung kommunaler Infrastrukturprojekte in Österreich.
Was steckt hinter der nachhaltigen Betonlösung?
Rohrdorfer setzt bei seinen nachhaltigen Betonen auf ein bewährtes Rezept: den Ersatz von Portlandzement durch alternative Bindemittel. Konkret kommen Hüttensand und Flugasche zum Einsatz – beides Nebenprodukte aus der Eisen- und Kohleindustrie, die den Klinkerfaktor drastisch senken. Während ein herkömmlicher CEM I mit einem Klinkerfaktor von 0,95 arbeitet, reduziert ein CEM III (Hochofenzement) diesen Wert auf unter 0,50. Das bedeutet: Bis zu 50 Prozent weniger CO₂-Ausstoß pro Tonne Beton, ohne dass Sie Abstriche bei der Festigkeit machen müssen.
Für Ihre Baustelle heißt das: Die Druckfestigkeitsklassen C30/37 oder C35/45 erreichen Sie auch mit diesen Mischungen problemlos. Allerdings müssen Sie bei der Verarbeitung auf einige Besonderheiten achten:
- Längere Anfangsstandzeit: Betone mit hohem Hüttensandanteil hydratisieren langsamer. Das bedeutet: Sie haben mehr Zeit für den Einbau, aber auch eine spätere Ausschalung.
- Temperaturempfindlichkeit: Gerade bei kühlen Außentemperaturen verzögert sich die Erhärtung zusätzlich. Planen Sie bei Herbst- und Winterbaustellen Heizmaßnahmen oder Wärmedecken ein.
- Nachbehandlung: Die verlängerte Hydratation erfordert eine konsequente Feuchtigkeitszufuhr über mindestens sieben Tage. Sprühen oder Folienabdeckung sind Pflicht.
Praxistauglichkeit auf der kommunalen Baustelle
Das Projekt in Judenau zeigt, dass nachhaltige Betone für Abwasserinfrastruktur praxistauglich sind. Rohrdorfer liefert die Mischung als Transportbeton – Sie müssen also nicht selbst mischen, sondern erhalten eine geprüfte, baustellenfertige Lösung. Das spart Arbeitszeit und minimiert Fehlerquellen beim Mischverhältnis.
Ein weiterer Vorteil: Die Dauerhaftigkeit dieser Betone ist wissenschaftlich belegt. Hüttensand verbessert die Widerstandsfähigkeit gegen Sulfatangriff, ein häufiges Problem in Abwassersystemen. Die dichtere Matrix reduziert die Porosität und damit das Eindringen aggressiver Medien. Langfristig bedeutet das für Kommunen geringere Instandhaltungskosten – ein Argument, das auch Sie gegenüber Auftraggebern ins Feld führen können.
Wie nachhaltig ist nachhaltig?
Die Frage bleibt: Wie viel CO₂ spart die Lösung tatsächlich? Rohrdorfer bewirbt seine Produkte als nachhaltig, ohne in der veröffentlichten Projektbeschreibung konkrete Reduktionswerte zu nennen. Das ist typisch für die Branche. Für Sie als Verarbeiter ist es dennoch wichtig, diese Zahlen zu kennen – nicht zuletzt, weil öffentliche Auftraggeber zunehmend EPDs (Environmental Product Declarations) verlangen.
Eine EPD dokumentiert den CO₂-Fußabdruck eines Baustoffs über den gesamten Lebenszyklus. Rohrdorfer bietet für viele seiner Produkte solche Deklarationen an. Im Idealfall liegt die CO₂-Einsparung eines CEM-III-Betons bei 40 bis 50 Prozent gegenüber einem CEM-I-Standard. Für ein typisches Kanalsanierungsprojekt mit 200 Kubikmetern Beton bedeutet das eine Einsparung von rund 30 Tonnen CO₂ – ein Wert, der in der Ausschreibung Pluspunkte bringt.
Alternativen und Marktentwicklung
Rohrdorfer ist nicht der einzige Anbieter in Österreich, der auf niedrigemissive Betone setzt. Auch Heidelberg Materials und Holcim haben vergleichbare Produktlinien im Portfolio. Der Wettbewerb treibt die Innovation – und senkt mittelfristig die Preise. Aktuell liegt der Aufpreis für nachhaltige Betone bei etwa 5 bis 10 Prozent gegenüber Standardmischungen. Das klingt viel, relativiert sich aber durch die geringeren Lebenszykluskosten und die Förderfähigkeit im Rahmen kommunaler Klimaschutzprogramme.
Was Sie auf der Baustelle beachten sollten
Wenn Sie nachhaltige Betone verarbeiten, gelten die üblichen Regeln – mit einigen Ergänzungen:
- Untergrund vorbereiten: Sauber, trocken, tragfähig. Gerade bei Abwasserprojekten muss der Untergrund frei von Altbeton-Resten und Verunreinigungen sein.
- Einbau zügig, aber kontrolliert: Die längere Verarbeitbarkeit verleitet zum Hinauszögern. Vermeiden Sie das – die Konsistenz kann sich bei langem Stehen verschlechtern.
- Verdichtung nicht vernachlässigen: Auch wenn die Matrix dichter ist, benötigen Sie eine gründliche Verdichtung mit Rüttler oder Innenrüttler. Lufteinschlüsse gefährden die Dauerhaftigkeit.
- Nachbehandlung dokumentieren: Für öffentliche Auftraggeber ist der Nachweis einer fachgerechten Nachbehandlung Pflicht. Protokollieren Sie Temperatur, Feuchtigkeitsmaßnahmen und Zeiträume.
Fazit für die Praxis
Das Projekt in Judenau ist ein Beispiel dafür, wie nachhaltige Betone in der kommunalen Infrastruktur Fuß fassen. Für Sie als Verarbeiter bedeutet das: Die Technik ist ausgereift, die Verfügbarkeit gesichert, die Verarbeitung beherrschbar. Entscheidend ist, dass Sie die verlängerte Hydratation und die angepasste Nachbehandlung in Ihre Ablaufplanung einrechnen. Dann steht einer erfolgreichen Umsetzung nichts im Weg.
Wenn Sie tiefer in die Materie einsteigen wollen, lohnt sich ein Blick in den Verarbeitungs-Leitfaden von Rohrdorfer, der konkrete Tipps für die Praxis liefert. Und wer sich für das große Bild interessiert, findet auf unserem Portal CO₂-neutraler Beton eine umfassende Übersicht zu Technologien, Herstellern und regulatorischen Anforderungen.
Die Website von Rohrdorfer finden Sie unter rohrdorfer.at.


