Die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten schafft neue Unsicherheit für die Rohstoffversorgung der europäischen Stahlindustrie. Die Salzgitter AG, einer der führenden Produzenten von Baustahl in Deutschland, hat bereits angekündigt, dass sie « entsprechend handeln » werde angesichts wachsender geopolitischer Spannungen. Diese Erklärung wirft, obwohl vorsichtig formuliert, konkrete Fragen zur Stabilität der Lieferketten, zu Produktionskosten und letztlich zur Verfügbarkeit von Stahl auf dem deutschen Baumarkt auf.

Die deutsche Stahlindustrie, die bereits mit der Umstellung auf die Produktion von grünem Stahl über das DRI-Verfahren mit Wasserstoff konfrontiert ist, muss nun gleichzeitig geopolitische Risiken bewältigen. Der Iran-Konflikt bedroht insbesondere die Seerouten für Eisenerz und Ferromangan aus Asien und Afrika, zwei wesentliche Rohstoffe für die Herstellung von Bewehrungsstahl nach europäischen Normen.

Für Planer und Projektmanager im Bausektor führt diese Situation zu einer doppelten Besorgnis: Einerseits könnte die Preisvolatilität in den kommenden Monaten zunehmen, da langfristige Rahmenverträge schwerer zu verhandeln sind. Andererseits könnten sich die Lieferzeiten für Stahlprofile, Schweißgitter und Bewehrungen verlängern, wenn Lieferanten ihre Versorgungsquellen diversifizieren oder ihre Logistikketten reorganisieren müssen.

Salzgitter AG, das jährlich etwa 7 Millionen Tonnen Rohstahl produziert, ist aufgrund seines integrierten Geschäftsmodells besonders exponiert: Das Unternehmen betreibt eigene Hochöfen und ist daher stark auf eine regelmäßige Versorgung mit Eisenerz und Kokskohle angewiesen. Im Gegensatz zu Herstellern, die hauptsächlich Lichtbogenöfen, die mit recyceltem Schrott betrieben werden, einsetzen, kann Salzgitter Versorgungsunterbrechungen bei primären Rohstoffen nicht schnell ausgleichen.

Die Erklärung, dass das Unternehmen « entsprechend handeln » werde, lässt mehrere mögliche Szenarien vermuten: strategische Bevorratung von Rohstoffen, Abschluss von alternativen Versorgungsverträgen mit Lieferanten aus Lateinamerika oder Australien, oder vorübergehende Anpassung der Produktionskapazitäten. Jede dieser Maßnahmen hätte unmittelbare Auswirkungen auf die Kostenstruktur und folglich auf die Verkaufspreise für Baustahl.

Für den Bausektor ist diese Entwicklung in einem bereits angespannten Kontext eingebettet: Die Dekarbonisierungsziele erfordern massive Investitionen in neue Produktionstechnologien, während die Nachfrage nach Stahl für Infrastruktur- und Bauprojekte hoch bleibt. Architekten und Ingenieure empfehlen bereits, Preisanpassungsklauseln in Stahllieferverträge aufzunehmen und, soweit technisch möglich, Hybrid-Baulösungen zu erwägen, die Stahl, Beton und Brettsperrholz kombinieren, um die Abhängigkeit von einem einzigen Material zu verringern.

Die aktuelle Situation veranschaulicht erneut die Anfälligkeit globaler Lieferketten für strategische Baumaterialien. Während die Energiewende der Stahlindustrie bisher im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand – wie die Projekte zur Dekarbonisierung der Stahlproduktion bei Salzgitter zeigen – etablieren sich geopolitische Risiken nun als ein eigenständiger Planungsfaktor für Akteure im Bausektor.