Stahlmarkt im DACH-Bau 2026: Zwischen Dekarbonisierung und Preisunsicherheit
Der Stahlmarkt im DACH-Raum durchläuft 2026 eine Transformation, die sowohl technologisch als auch wirtschaftlich fundamentale Änderungen mit sich bringt. Während der Gesamtverbrauch von Baustahl in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei rund 19,2 Millionen Tonnen pro Jahr liegt, entfallen davon etwa 8,7 Millionen Tonnen auf den Bausektor. Die entscheidende Entwicklung ist der Markteintritt von fossilfrei produziertem Stahl durch SSAB HYBRIT und die Pilotprojekte von Salzgitter SALCOS sowie ArcelorMittal XCarb.
Die Stahlproduktion verursacht traditionell etwa 1,85 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl im Hochofen-Konverter-Verfahren. Grüner Stahl aus Wasserstoff-Direktreduktion (H-DRI) reduziert diese Emissionen auf 0,02-0,05 Tonnen CO₂ pro Tonne — eine Reduktion von über 95 Prozent. SSAB hat 2021 den ersten fossilfreien Stahl als Proof-of-Concept hergestellt und liefert seit 2026 kommerziell an erste Abnehmer wie Rheinmetall. Der Aufpreis liegt aktuell bei 150-300 EUR pro Tonne, was bei einem Basispreis von 650-750 EUR/t für konventionellen Baustahl eine Kostensteigerung von 23-40 Prozent bedeutet.
Für Bauträger und Tragwerksplaner bedeutet dies: Grüner Stahl ist 2026 verfügbar, aber in limitierten Mengen und mit signifikantem Mehrpreis. Die großen Walzwerke ArcelorMittal, Salzgitter und Voestalpine fahren parallel konventionelle und dekarbonisierte Produktion, wobei letztere noch unter 5 Prozent der Gesamtkapazität liegt. Die Normung — B500B nach DIN 488 oder S355 nach EN 10025 — ändert sich nicht; grüner Stahl erfüllt dieselben mechanischen Anforderungen.
Bewehrungsstahl: Klassen B500A, B500B, B500C nach DIN 488
Bewehrungsstahl für Stahlbeton ist nach DIN 488-1 in drei Duktilitätsklassen gegliedert, wobei B500B mit hoher Duktilität die am weitesten verbreitete Klasse im DACH-Raum darstellt. Der Markt wird dominiert von Lech-Stahlwerke (LSW), Salzgitter Flachstahl und Badische Stahlwerke.
| Klasse | Streckgrenze ReH [N/mm²] | Zugfestigkeit Rm [N/mm²] | Bruchdehnung Agt [%] | Anwendung |
|---|---|---|---|---|
| B500A | ≥ 500 | ≥ 550 | ≥ 2,5 | Normale Duktilität, selten im Hochbau |
| B500B | ≥ 500 | ≥ 550 | ≥ 5,0 | Hohe Duktilität, Standard im Hochbau |
| B500C | ≥ 500 | ≥ 575 | ≥ 7,5 | Sehr hohe Duktilität, Erdbebenzonen |
Die Produktion erfolgt im TEMPCORE-Verfahren (Thermex bei Lech-Stahlwerke): Nach dem Walzen wird der Stab oberflächlich mit Wasser abgeschreckt, wodurch sich ein martensitischer Randbereich bildet, während der Kern ferritisch-perlitisch bleibt. Die Nachwärme aus dem Kern temperiert den Rand nach, was zu einer Streckgrenze von 500-550 N/mm² bei gleichzeitig hoher Duktilität führt. Durchmesser reichen von Ø 6 mm bis Ø 40 mm, wobei Ø 8, Ø 10, Ø 12, Ø 16, Ø 20 und Ø 25 mm die Standardabmessungen darstellen.
Lech-Stahlwerke produziert jährlich etwa 750.000 Tonnen Bewehrungsstahl am Standort Meitingen und vertreibt über die Lech-Stahl Vertrieb GmbH (LSB) an Stahlbiegebetriebe und den Baustoffhandel. Salzgitter liefert über die Peiner Träger-Gruppe. Der Preis für B500B lag im ersten Quartal 2026 bei durchschnittlich 680 EUR/t ab Werk (Stablänge 12 m), gebogene und geschnittene Bewehrung kostet je nach Komplexität 850-1100 EUR/t.
Die schweißtechnische Eignung ist bei B500B nach DIN 488-1 gegeben, wobei ein Kohlenstoffäquivalent Ceq ≤ 0,50 % eingehalten werden muss. Typische Schweißverfahren sind MAG (135) mit Massivdraht G 42 4 M G3Si1 nach ISO 14341 oder Lichtbogenhandschweißen (111) mit basischen Elektroden E 42 5 B 42 H5 nach ISO 2560. Vorwärmung ist bei Wanddicken über 30 mm und Temperaturen unter +5 °C erforderlich.
Profile für den Stahlbau: HEA, HEB, IPE — Walzwerke und Verfügbarkeit
Die wichtigsten Walzprofile im konstruktiven Stahlbau sind nach EN 10025 genormte I- und H-Profile. HEA (leichte Breitflanschträger), HEB (normale Breitflanschträger) und IPE (europäische I-Träger) unterscheiden sich in Flanschbreite, Stegdicke und damit in Querschnittswerten und Anwendungsbereich.
| Profiltyp | Beispielabmessung | Gewicht [kg/m] | Iy [cm⁴] | Wy [cm³] | Hauptanwendung |
|---|---|---|---|---|---|
| HEA 200 | h=190 mm, b=200 mm, s=6,5 mm, t=10 mm | 42,3 | 3692 | 389 | Leichtbau, Stützen bei geringer Last |
| HEB 200 | h=200 mm, b=200 mm, s=9 mm, t=15 mm | 61,3 | 5696 | 569 | Standard-Stützen, Träger mittlerer Spannweite |
| IPE 200 | h=200 mm, b=100 mm, s=5,6 mm, t=8,5 mm | 22,4 | 1943 | 194 | Deckenträger, Pfetten |
| HEB 300 | h=300 mm, b=300 mm, s=11 mm, t=19 mm | 117 | 25170 | 1678 | Hauptträger, Hallenbau |
| IPE 360 | h=360 mm, b=170 mm, s=8 mm, t=12,7 mm | 57,1 | 16270 | 904 | Träger mittlerer bis großer Spannweite |
Die wichtigsten Walzwerke im DACH-Raum sind ArcelorMittal (Werke Differdingen, Luxemburg und Gent), Voestalpine (Donawitz, Österreich) und Salzgitter (Peine, Deutschland). ArcelorMittal ist Marktführer mit einer Jahreskapazität von über 2 Millionen Tonnen Walzprofilen für Europa. Voestalpine produziert am Standort Donawitz etwa 450.000 Tonnen Profilstahl, während Salzgitter über die Peiner Träger GmbH rund 600.000 Tonnen fertigt.
Standardgüte ist S235JR nach EN 10025-2 (Streckgrenze 235 N/mm², Kerbschlagarbeit 27 J bei 20 °C), für geschweißte Konstruktionen wird S355J2 nach EN 10025-2 (355 N/mm², 27 J bei -20 °C) bevorzugt. Feuerverzinkte Profile nach EN ISO 1461 erfordern Stähle mit Siliziumgehalt unter 0,03 % oder über 0,14 %, um die Sandelin-Effekt-Zone zu vermeiden. ArcelorMittal bietet hierfür die Güte S235JRG2 (ehemals St 37-2) an.
Die Lieferzeiten für Standardprofile (HEB 160–300, IPE 200–400) liegen 2026 bei 6–8 Wochen ab Bestellung, Sonderabmessungen bei 10–14 Wochen. Der Preis für S355J2 HEB 200 lag im März 2026 bei ca. 820 EUR/t ab Werk, verzinkt bei 1150 EUR/t. Voestalpine hat 2024 eine 80-prozentige Beteiligung am HBI-Werk (Hot Briquetted Iron) in Corpus Christi, Texas, an ArcelorMittal verkauft, um Kapital für den Umbau des Standorts Linz auf einen Hybrid-Elektrolichtbogenofen zu gewinnen. Die erste Phase der Transformation in Linz soll 2027 abgeschlossen sein.
Grüner Stahl 2026: SSAB HYBRIT, Salzgitter SALCOS, ArcelorMittal XCarb
Die Dekarbonisierung der Stahlproduktion erfolgt über drei Hauptpfade: Wasserstoff-Direktreduktion (H-DRI), Elektrolichtbogenofen mit Grünstrom und Schrott, sowie CO₂-Abscheidung am Hochofen (CCS). Der disruptivste Ansatz ist die H-DRI-Route, bei der Eisenerz mit grünem Wasserstoff statt Koks reduziert wird.
SSAB hat mit dem HYBRIT-Konsortium (SSAB, LKAB, Vattenfall) 2021 den weltweit ersten fossilfreien Stahl im Pilotmaßstab produziert. Die Technologie ersetzt den Hochofen durch einen Schachtreduktionsofen, der Eisenerz-Pellets bei etwa 800–900 °C mit Wasserstoff zu Eisenschwamm (DRI) reduziert. Dieser wird im Elektrolichtbogenofen eingeschmolzen und zu Stahl legiert. Der Prozess emittiert statt 1,85 t CO₂/t Stahl nur etwa 0,02–0,05 t CO₂/t, wobei diese Restemissionen aus Kalkstein-Zugabe und Strommix stammen.
2026 liefert SSAB kommerziell SSAB Fossil-free™-Stahl an Erstanwender. Ein Letter of Intent mit Rheinmetall wurde im Januar 2026 unterzeichnet, weitere Abnehmer sind Volvo Construction Equipment und Mercedes-Benz. Die Produktionskapazität in Oxelösund (Schweden) beträgt derzeit etwa 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr, der Ausbau auf 2,5 Millionen Tonnen ist für 2028 geplant. In den USA hat SSAB gemeinsam mit Cleveland-Cliffs ein 1-Milliarden-Dollar-Projekt angekündigt, das ab 2028 fossilfreien Stahl für den nordamerikanischen Markt produzieren soll.
HYBRIT hat einen großmaßstäblichen Wasserstoffspeicher in Luleå, Schweden, getestet, der bis 2026 in Betrieb bleibt. Die Speicherung erfolgt in ausgekleideten Kavernen bei etwa 100–250 bar, um die saisonale Schwankung der Windstromproduktion auszugleichen. Die Technologie könnte CO₂-Emissionen in Schweden um 10 Prozent und in Finnland um 7 Prozent senken.
Salzgitter verfolgt mit SALCOS (Salzgitter Low CO₂ Steelmaking) einen ähnlichen Ansatz. Die erste Stufe — ein 150.000-Tonnen-Direktreduktionsreaktor — ging 2024 in Betrieb, eine zweite Stufe mit 400.000 Tonnen ist für 2026 geplant. Salzgitter nutzt zunächst Erdgas, der schrittweise Übergang zu Wasserstoff soll bis 2033 abgeschlossen sein. Der Preis für SALCOS-Stahl liegt aktuell bei etwa 900–1050 EUR/t (S355J2), verglichen mit 720–780 EUR/t für konventionellen Stahl.
ArcelorMittal bündelt seine Dekarbonisierungsaktivitäten unter der Marke XCarb. In Hamburg läuft seit 2023 eine DRI-Pilotanlage mit 100.000 Tonnen Jahreskapazität, die mit 60 Prozent Wasserstoff und 40 Prozent Erdgas betrieben wird. Der Standort Gent soll ab 2028 eine 2,3-Millionen-Tonnen-DRI-Anlage erhalten, die vollständig H₂-basiert arbeitet. ArcelorMittal hat zudem die Mehrheitsbeteiligung am HBI-Werk in Texas von Voestalpine übernommen, um Eisenschwamm für europäische Elektrolichtbogenöfen zu sichern.
Stahlbau-Schweißverfahren und Werkstattfertigung nach EN 1090
Die schweißtechnische Verarbeitung von Baustahl erfolgt nach EN 1090-2, die Anforderungen an Ausführungsklassen (EXC1 bis EXC4), Schweißaufsicht und Qualitätssicherung definiert. Die wichtigsten Schweißverfahren sind MAG (135), Lichtbogenhandschweißen (111) und UP (121) für dickwandige Querschnitte.
MAG-Schweißen mit Massivdraht G 42 4 M G3Si1 (1,0–1,2 mm Durchmesser) und Mischgas M21 (18 % CO₂, Rest Argon) nach ISO 14175 ist das Standardverfahren für S235 und S355. Die Abschmelzleistung liegt bei 1,5–3 kg/h, typische Parameter für eine 8-mm-Kehlnaht sind 240–280 A, 26–30 V bei 35–45 cm/min Schweißgeschwindigkeit. Die Wärmeeinbringung sollte 1,0–1,5 kJ/mm nicht überschreiten, um Versprödung der Wärmeeinflusszone (WEZ) zu vermeiden.
Lichtbogenhandschweißen mit basischen Elektroden (z. B. E 42 5 B 42 H5) wird für Baustellenschweißungen und Wurzellagen eingesetzt. Die Elektroden müssen bei 300–350 °C rückgetrocknet werden, um diffusiblen Wasserstoff unter 5 ml/100 g abgeschmolzenes Gut zu halten (HD-Bereich). Vorwärmung auf 100–150 °C ist bei Wanddicken über 30 mm und S355 erforderlich.
UP-Schweißen (Unterpulver) wird in der Werkstattfertigung für I-Träger-Fertigung (aus Blechen geschweißte Profile) eingesetzt. Drahtelektroden von 3,2–4,0 mm Durchmesser und basische Pulver ermöglichen Abschmelzleistungen bis 15 kg/h. ArcelorMittal und Voestalpine setzen UP für geschweißte Sonderprofile mit Höhen bis 2000 mm ein.
Die Werkstattfertigung nach EN 1090-2 Ausführungsklasse EXC3 (Hochbau, Tragwerke bis 30 m Höhe) erfordert zertifizierte Schweißaufsichtspersonen (IWE/IWT nach ISO 14731), WPS (Welding Procedure Specification) für alle Schweißverbindungen und eine Erstprüfung jeder WPS durch WPQR (Welding Procedure Qualification Record). Prüfumfang: 10 Prozent visuelle Prüfung (VT), 5 Prozent Magnetpulverprüfung (MT) bei ferromagnetischen Werkstoffen, 2 Prozent Ultraschallprüfung (UT) bei Stumpfnähten über 8 mm Dicke.
Für grünen Stahl ändern sich die Schweißparameter nicht wesentlich, da die chemische Zusammensetzung (C ≤ 0,20 %, Mn 1,0–1,5 %, Si ≤ 0,50 %) und damit das Kohlenstoffäquivalent Ceq identisch bleiben. SSAB gibt für HYBRIT-Stahl dieselben WPS-Parameter wie für konventionellen S355J2 an.
Edelstahl- und Aluminium-Profile in der Fassade
Edelstahl und Aluminium werden im Bauwesen primär für Fassaden, Geländer und korrosionsgefährdete Bauteile eingesetzt. Edelstahl nach EN 10088 (1.4301/X5CrNi18-10, 1.4404/X2CrNiMo17-12-2) bietet hohe Korrosionsbeständigkeit und ist dauerhaft wartungsfrei.
| Werkstoff | Dichte [kg/dm³] | E-Modul [N/mm²] | Streckgrenze [N/mm²] | Wärmeleitfähigkeit [W/mK] | GWP [kg CO₂-eq/kg] |
|---|---|---|---|---|---|
| 1.4301 (V2A) | 7,9 | 200.000 | 210–240 | 15 | 4,2–5,8 |
| 1.4404 (V4A) | 8,0 | 200.000 | 220–250 | 15 | 4,5–6,1 |
| S355J2 (Baustahl) | 7,85 | 210.000 | 355 | 50 | 1,85 (konventionell) / 0,05 (grün) |
| AlMgSi1 (6082-T6) | 2,7 | 70.000 | 260 | 180 | 8,5–12,0 (Primär) / 0,6–0,9 (Sekundär) |
Edelstahl 1.4301 wird für Fassadenkonstruktionen, Geländer nach DIN 18008 und Befestigungselemente eingesetzt. Die Korrosionsbeständigkeit ist in Atmosphäre C3 (Stadt, mäßige Industrie) nach ISO 12944 dauerhaft ohne Beschichtung gegeben. 1.4404 mit 2–3 Prozent Molybdän bietet zusätzliche Beständigkeit gegen Chloride und wird in Küstennähe (C4, C5) oder bei Tausalzbelastung verwendet. Der Preis für 1.4301-Blech (2 mm) lag im März 2026 bei etwa 4800–5200 EUR/t, 1.4404 bei 5400–5900 EUR/t.
Aluminium-Fassadenprofile aus AlMgSi1 (EN AW-6082) werden im stranggepressten Zustand geliefert, meist eloxiert (E6/EV1 nach EN 12373, 20 μm Schichtdicke) oder pulverbeschichtet (60–100 μm nach Qualicoat). Die Wärmeleitfähigkeit von 180 W/mK (gegenüber 50 W/mK bei Stahl) erfordert thermisch getrennte Profilsysteme für Fenster und Fassaden, um Uf-Werte unter 1,3 W/m²K zu erreichen. Hersteller wie Schüco, Reynaers und Wicona bieten Systeme mit Polyamid-Stegen (λ = 0,25 W/mK), die eine Trennung der Innen- und Außenschale gewährleisten.
Die CO₂-Bilanz von Primär-Aluminium (8,5–12,0 kg CO₂-eq/kg) ist deutlich höher als die von Stahl, jedoch liegt die Recyclingrate bei über 95 Prozent, und Sekundär-Aluminium weist nur 0,6–0,9 kg CO₂-eq/kg auf. Der Anteil von Sekundär-Aluminium in Fassadenprofilen beträgt im DACH-Raum etwa 60–70 Prozent. Hydro bietet seit 2021 Hydro REDUXA an, Primär-Aluminium mit einem GWP von unter 4,0 kg CO₂-eq/kg durch Elektrolyse mit norwegischem Wasserkraftstrom.
Kosten-Realität grüner Stahl: Aufpreis, Verfügbarkeit, Lieferzeiten
Der Mehrpreis für grünen Stahl liegt 2026 zwischen 150 und 300 EUR pro Tonne, was bei einem Basispreis von 650–750 EUR/t für konventionellen S355J2 einer Steigerung von 20–40 Prozent entspricht. Die Preisgestaltung ist projektspezifisch und hängt von Abnahmemenge, Liefertermin und Güte ab.
SSAB kommuniziert für SSAB Fossil-free™ einen Aufpreis von etwa 25 Prozent gegenüber konventionellem Stahl bei Abnahmemengen über 500 Tonnen. Kleinere Chargen (unter 100 Tonnen) sind derzeit nicht verfügbar, da die Produktion priorisiert auf Erstanwender (OEM-Industrie, Großprojekte) ausgerichtet ist. Salzgitter SALCOS liegt mit 180–250 EUR/t Aufpreis im ähnlichen Bereich, ArcelorMittal XCarb wird fallweise kalkuliert.
Die Verfügbarkeit ist 2026 stark limitiert. SSAB produziert etwa 1,3 Millionen Tonnen fossilfreien Stahl, wovon etwa 40 Prozent (520.000 Tonnen) für den Markt verfügbar sind — der Rest geht in interne Weiterverarbeitung (SSAB Special Steels). Salzgitter SALCOS liefert etwa 150.000 Tonnen in 2026, ArcelorMittal XCarb etwa 80.000 Tonnen aus der Hamburger Pilotanlage. Zum Vergleich: Der DACH-Baustahlmarkt verbraucht jährlich 8,7 Millionen Tonnen.
Die Lieferzeit für grünen Stahl beträgt 14–20 Wochen ab Bestellung, konventioneller Stahl wird in 6–8 Wochen geliefert. Für Bauvorhaben mit ESG-Reporting-Pflicht (z. B. EU-Taxonomie-konforme Projekte) ist eine frühzeitige Reservierung erforderlich. Einige Bauträger sichern sich über Rahmenverträge feste Kontingente für 2026–2027.
Ein Rechenbeispiel: Ein Bürogebäude mit 4500 m² BGF benötigt etwa 45 Tonnen Bewehrungsstahl und 28 Tonnen Stahlprofile (Gesamtstahlgewicht ca. 73 Tonnen). Konventioneller Stahl kostet (Mittelwert) 720 EUR/t × 73 t = 52.560 EUR. Grüner Stahl kostet (Mittelwert) 920 EUR/t × 73 t = 67.160 EUR. Mehrpreis: 14.600 EUR oder 3,24 EUR/m² BGF. Gleichzeitig sinken die CO₂-Emissionen von 135 Tonnen (73 t × 1,85 t CO₂/t) auf 3,7 Tonnen (73 t × 0,05 t CO₂/t) — eine Reduktion von 131,3 Tonnen CO₂.
Für die EU-Taxonomie-Konformität nach Delegierter Verordnung (EU) 2021/2139 ist ein Grenzwert von 0,5 kg CO₂-eq pro kg Stahl ab 2028 verpflichtend für Neubauten, die als „wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz" klassifiziert werden sollen. Grüner Stahl erfüllt diesen Grenzwert bereits 2026.
EPD und CO₂-Bilanz pro Tonne Stahl: Vergleich konventionell vs. H-DRI
Umweltproduktdeklarationen (EPD) nach EN 15804+A2 geben Auskunft über die CO₂-Bilanz von Stahlprodukten über den gesamten Lebenszyklus. Die wichtigsten Indikatoren sind GWP (Global Warming Potential) in kg CO₂-eq und PENRT (Primary Energy Non-Renewable Total) in MJ.
| Stahltyp | GWP (A1-A3) [kg CO₂-eq/kg] | PENRT (A1-A3) [MJ/kg] | Recyclingrate [%] | Modul D (Gutschrift) [kg CO₂-eq/kg] |
|---|---|---|---|---|
| S355J2 Hochofen-Konverter | 1,85–2,10 | 28–32 | 25–30 | -0,45 |
| S355J2 Elektrolichtbogenofen (Schrott) | 0,45–0,65 | 8–12 | 90–95 | -0,50 |
| SSAB Fossil-free (H-DRI) | 0,02–0,05 | 5–7 | 15–20 | -0,50 |
| Salzgitter SALCOS (Erdgas-DRI, Übergang) | 0,80–1,20 | 18–22 | 20–25 | -0,48 |
Die EPD für konventionellen Hochofen-Stahl (z. B. ArcelorMittal S355J2) weist ein GWP von 1,85 kg CO₂-eq/kg aus (Module A1-A3: Rohstoffgewinnung, Transport, Herstellung). Dies entspricht 1850 kg CO₂ pro Tonne Stahl. Der hohe Wert resultiert aus der Reduktion von Eisenerz mit Koks, wobei etwa 1,4 Tonnen CO₂ pro Tonne Roheisen freigesetzt werden. Weitere Emissionen stammen aus Kalkzugabe (0,15 t CO₂/t Stahl) und Energiebedarf.
Elektrolichtbogenofen-Stahl (EAF) aus Schrott weist ein GWP von 0,45–0,65 kg CO₂-eq/kg auf, da keine Reduktion von Eisenerz erfolgt. Die Emissionen stammen primär aus dem Strommix (DACH-Durchschnitt: 350 g CO₂/kWh) und Elektrodenverschleiß. Bei 100 Prozent Grünstrom sinkt der Wert auf 0,15–0,25 kg CO₂-eq/kg. Jedoch ist die Verfügbarkeit von Schrott limitiert: Der EU-Schrottmarkt umfasst etwa 95 Millionen Tonnen pro Jahr, während der Stahlbedarf bei 160 Millionen Tonnen liegt.
SSAB Fossil-free mit H-DRI erreicht ein GWP von 0,02–0,05 kg CO₂-eq/kg. Die Restemissionen stammen aus Kalkstein-Zugabe (unvermeidbar, chemisch gebundenes CO₂) und geringen Anteilen fossiler Energie in der Lieferkette (z. B. Transport). Der Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit Windstrom produziert, wodurch keine Prozessemissionen entstehen. Die EPD von SSAB ist von EPD International verifiziert (S-P-02047).
Modul D (Gutschrift für Recycling) beträgt bei allen Stahltypen etwa -0,45 bis -0,50 kg CO₂-eq/kg, da Stahl zu nahezu 100 Prozent recycelbar ist und Sekundärstahl primären Stahl substituiert. Die Recyclingrate gibt an, wie viel Sekundärmaterial im Produkt enthalten ist: Hochofen-Stahl enthält 25–30 Prozent Schrott, EAF-Stahl 90–95 Prozent, H-DRI-Stahl 15–20 Prozent (da primär Eisenerz eingesetzt wird).
Recyclingrate und Sekundärstahl: Kreislaufwirtschaft im Stahlbau
Die Recyclingrate von Baustahl im DACH-Raum liegt bei 85–90 Prozent, was ihn zu einem der am besten recycelbaren Baustoffe macht. Stahl verliert beim Recycling keine mechanischen Eigenschaften, sodass Sekundärstahl dieselben Normanforderungen wie Primärstahl erfüllt.
Der Recyclingprozess beginnt mit dem Rückbau: Stahlträger, Bewehrung und Profile werden von Beton getrennt (durch Abbruchhammer oder hydraulische Scheren) und nach Güte sortiert. Bewehrungsstahl kann nach DIN 488 wiederverwendet werden, wenn keine Korrosion oder plastische Verformung vorliegt. In der Praxis wird Baustahl jedoch meist dem Schrottkreislauf zugeführt.
Schrottqualitäten werden nach EN 10025 in Kategorien eingeteilt: E1 (neue Produktionsabfälle), E3 (alte Stahlkonstruktionen, gering verunreinigt), E40 (gemischter Schrott). Baustahl aus Abbruch fällt meist in E3, mit einem Eisengehalt über 92 Prozent. Der Schrottpreis lag im März 2026 bei etwa 280–320 EUR/t für E3.
Im Elektrolichtbogenofen wird Schrott bei 1600–1700 °C eingeschmolzen, Verunreinigungen werden durch Sauerstoffblasen und Schlacke gebunden. Der Energiebedarf beträgt etwa 400–500 kWh/t Stahl (gegenüber 1800 kWh/t bei Hochofen-Route). Die CO₂-Emissionen liegen bei 0,45 kg CO₂-eq/kg (DACH-Strommix) oder 0,15 kg CO₂-eq/kg (Grünstrom).
Die wichtigsten EAF-Werke im DACH-Raum sind Badische Stahlwerke (Kehl), Lech-Stahlwerke (Meitingen), Celsa (Osterweddingen) und Donawitz (Voestalpine). Die Gesamtkapazität beträgt etwa 12 Millionen Tonnen pro Jahr, was etwa 40 Prozent der DACH-Stahlproduktion entspricht.
Ein limitierender Faktor ist die Verfügbarkeit von Schrott: Der DACH-Raum exportiert etwa 5 Millionen Tonnen Schrott pro Jahr (hauptsächlich nach Türkei und Indien), da die inländischen EAF-Kapazitäten nicht ausreichen. Gleichzeitig wird Schrott importiert (ca. 3 Millionen Tonnen aus Osteuropa). Die EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie sieht vor, Schrottexporte zu reduzieren und EAF-Kapazitäten auszubauen.
Für grünen Stahl aus H-DRI ist die Recyclingrate zunächst niedriger (15–20 Prozent Schrottzugabe), da der Prozess auf Eisenerz basiert. Langfristig (ab 2035) plant SSAB, 50 Prozent Schrott in die H-DRI-Route zu integrieren, indem Schrott im EAF zusammen mit DRI eingeschmolzen wird. Dies kombiniert die Vorteile beider Routen: niedrige CO₂-Emissionen und hohe Kreislaufwirtschaft.
Stahlpreis-Entwicklung 2024–2026: Volatilität und Einflussfaktoren
Der Stahlpreis im DACH-Raum hat zwischen 2024 und 2026 eine moderate Stabilisierung erlebt, nachdem die extreme Volatilität der Jahre 2021–2023 (Preise zwischen 480 und 1100 EUR/t für HRC — Hot Rolled Coil) abgeklungen ist. Im März 2026 liegt der Preis für S355J2 HRC bei etwa 680–720 EUR/t ab Werk, für Profile (HEB 200) bei 820 EUR/t.
Die wichtigsten Einflussfaktoren auf den Stahlpreis sind:
- Schrottpreis: Mit 280–320 EUR/t für E3-Schrott liegt der wichtigste Rohstoff für EAF-Stahl auf moderatem Niveau. Der Schrottpreis korreliert mit der globalen Stahlnachfrage und Exportpreisen (China, Türkei).
- Energiepreis: Erdgas (für Hochofen-Reduktion) kostete im DACH-Raum im Q1/2026 etwa 35–40 EUR/MWh, Strom für EAF etwa 110–130 EUR/MWh. Die Energiekosten machen etwa 15–20 Prozent der Stahlproduktionskosten aus.
- CO₂-Preis (ETS): Der EU-Emissionshandelspreis lag im März 2026 bei etwa 85 EUR/t CO₂. Für Hochofen-Stahl (1,85 t CO₂/t Stahl) entstehen CO₂-Kosten von ca. 157 EUR/t Stahl. Dies begünstigt grünen Stahl und EAF-Stahl wirtschaftlich.
- Import-Wettbewerb: Importe aus China, Indien und Türkei üben Preisdruck aus, obwohl die EU-Safeguard-Maßnahmen (Importquoten) weiterhin bestehen. Der durchschnittliche Importpreis für HRC lag 2026 bei 580–620 EUR/t CIF Rotterdam.
- Nachfrage: Die Baunachfrage im DACH-Raum war 2026 schwach (Wohnungsbau -8 Prozent gegenüber 2025), während Infrastruktur (+4 Prozent) und Industriebau (+2 Prozent) Stabilität boten.
Prognosen für 2027 gehen von einem leichten Anstieg auf 740–780 EUR/t für HRC aus, getrieben durch steigende CO₂-Preise (erwartet 95–100 EUR/t CO₂) und den schrittweisen Ausbau grüner Stahlkapazitäten. ArcelorMittal, Salzgitter und Voestalpine haben angekündigt, ab 2027 ihre grünen Stahlpreise stärker an CO₂-Vermeidungskosten zu koppeln, was eine weitere Konvergenz der Preise zwischen konventionellem und grünem Stahl bedeutet.
Für Bauunternehmen bedeutet dies: Langfristige Preisbindungen (6–12 Monate) sind 2026 wieder üblich, nachdem 2022–2023 nur kurzfristige Verträge (4–8 Wochen) möglich waren. Heidelberg Materials, Holcim und Strabag haben Rahmenverträge mit ArcelorMittal und Salzgitter abgeschlossen, die 60–70 Prozent ihres Stahlbedarfs abdecken.
FAQ — Stahl und Metall im Bau 2026
Was ist der Unterschied zwischen B500A, B500B und B500C Bewehrungsstahl?
Die Klassen unterscheiden sich in der Bruchdehnung Agt: B500A hat ≥ 2,5 %, B500B ≥ 5,0 % und B500C ≥ 7,5 %. B500B mit hoher Duktilität ist Standard im DACH-Hochbau, B500C wird in Erdbebenzonen nach DIN EN 1998 vorgeschrieben. Die Streckgrenze liegt bei allen Klassen bei ≥ 500 N/mm². Die Duktilität beeinflusst das Verformungsvermögen im Grenzzustand der Tragfähigkeit.
Wie viel teurer ist grüner Stahl von SSAB gegenüber konventionellem Stahl?
SSAB Fossil-free™ kostet 2026 etwa 150–300 EUR/t mehr als konventioneller S355J2, was einem Aufpreis von 20–40 % entspricht. Bei einem Basispreis von 720 EUR/t liegt grüner Stahl bei 870–1020 EUR/t. Der genaue Preis hängt von Abnahmemenge, Liefertermin und Produktform ab. Großabnehmer (über 500 t) erhalten etwa 25 % Aufpreis, kleinere Chargen sind derzeit nicht verfügbar.
Welche Walzwerke produzieren Profile (HEA, HEB, IPE) für den DACH-Markt?
Die wichtigsten Produzenten sind ArcelorMittal (Werke Differdingen, Gent) mit über 2 Millionen Tonnen Jahreskapazität, Voestalpine (Donawitz, Österreich) mit 450.000 Tonnen und Salzgitter über die Peiner Träger GmbH mit 600.000 Tonnen. Standardprofile haben 6–8 Wochen Lieferzeit, Sonderabmessungen 10–14 Wochen. ArcelorMittal ist Marktführer im DACH-Raum.
Wie hoch ist die CO₂-Bilanz von grünem Stahl im Vergleich zu Hochofen-Stahl?
Konventioneller Hochofen-Stahl hat ein GWP von 1,85 kg CO₂-eq/kg (1850 kg CO₂ pro Tonne). SSAB HYBRIT-Stahl erreicht 0,02–0,05 kg CO₂-eq/kg (20–50 kg CO₂ pro Tonne), eine Reduktion von über 95 %. Elektrolichtbogenofen-Stahl aus Schrott liegt bei 0,45 kg CO₂-eq/kg. Die EU-Taxonomie schreibt ab 2028 maximal 0,5 kg CO₂-eq/kg für klimafreundliche Neubauten vor.
Welche Schweißverfahren werden für S355J2 im Stahlbau eingesetzt?
Standard ist MAG-Schweißen (135) mit Massivdraht G 42 4 M G3Si1 und Mischgas M21 (82 % Ar, 18 % CO₂). Typische Parameter für 8-mm-Kehlnaht: 240–280 A, 26–30 V, 35–45 cm/min. Lichtbogenhandschweißen (111) mit basischen Elektroden E 42 5 B 42 H5 wird für Baustelle und Wurzellagen verwendet. UP-Schweißen (121) kommt in der Werkstattfertigung für dickwandige Querschnitte zum Einsatz. Vorwärmung auf 100–150 °C ist bei Wanddicken über 30 mm erforderlich.
Wie hoch ist die Recyclingrate von Baustahl?
Baustahl wird zu 85–90 % recycelt. Stahl verliert beim Recycling keine mechanischen Eigenschaften. Elektrolichtbogenofen-Stahl besteht zu 90–95 % aus Schrott, Hochofen-Stahl zu 25–30 %. Die CO₂-Bilanz von EAF-Stahl liegt bei 0,45 kg CO₂-eq/kg (mit DACH-Strommix), bei 100 % Grünstrom bei 0,15 kg CO₂-eq/kg. Der DACH-Raum exportiert etwa 5 Millionen Tonnen Schrott pro Jahr.
Welche Stahlgüten werden für feuerverzinkte Konstruktionen verwendet?
Für Feuerverzinkung nach EN ISO 1461 muss der Siliziumgehalt unter 0,03 % oder über 0,14 % liegen, um den Sandelin-Effekt (übermäßiges Schichtwachstum) zu vermeiden. ArcelorMittal bietet S235JRG2 (ehemals St 37-2) mit angepasstem Si-Gehalt an. Alternativ kann S355J2 mit Zinkvorlackierung verwendet werden. Die Zinkschichtdicke beträgt 50–85 μm, die Korrosionsbeständigkeit entspricht C4 nach ISO 12944.
Wann ist grüner Stahl für Bauprojekte wirtschaftlich sinnvoll?
Grüner Stahl ist 2026 wirtschaftlich für EU-Taxonomie-konforme Projekte (ab 2028 verpflichtend, wenn ≤ 0,5 kg CO₂-eq/kg gefordert), ESG-Reportingpflichtige Immobilien und Ausschreibungen mit CO₂-Obergrenzen. Der Mehrpreis von 3–4 EUR/m² BGF ist bei Premium-Immobilien (Miete > 18 EUR/m²) darstellbar. Für sozialen Wohnungsbau (Kostenobergrenze 3200 EUR/m² BGF) ist konventioneller Stahl 2026 noch Standard.
Stand: Mai 2026 — quartalsweise aktualisiert durch die Redaktion Baustoffradar. Nächstes Update: August 2026.