Kapillarität bezeichnet das physikalische Phänomen, dass Flüssigkeiten in engen Röhren oder Hohlräumen entgegen der Schwerkraft aufsteigen oder sich horizontal ausbreiten. In porösen Baustoffen wie Ziegel, Beton, Kalksandstein oder Kalkputz bilden die Poren ein Netzwerk solcher Kapillaren, durch das Wasser transportiert wird. Diese Eigenschaft beeinflusst entscheidend das Feuchtemanagement, die Dauerhaftigkeit und das Raumklima eines Gebäudes – im positiven wie im negativen Sinne.
Wie entsteht der kapillare Wassertransport?
Der kapillare Effekt beruht auf dem Zusammenspiel von Adhäsion und Kohäsion. Adhäsion beschreibt die Anziehungskraft zwischen Wassermolekülen und der Porenwandung des Baustoffs. Kohäsion bezeichnet den Zusammenhalt der Wassermoleküle untereinander. In engen Kapillaren überwiegt die Adhäsion: Das Wasser wird an der Porenwand nach oben gezogen und nimmt durch Kohäsion weitere Moleküle mit.
Die Steighöhe hängt dabei maßgeblich vom Porendurchmesser ab. In einer Kapillare mit 0,1 mm Durchmesser steigt Wasser etwa 15 cm hoch, bei 0,01 mm bereits 1,5 Meter. Sehr weite Poren zeigen kaum kapillare Wirkung, extrem feine Poren können den Transport durch Reibung wieder bremsen. Optimal sind mittlere Porengrößen im Bereich von 0,001 bis 0,1 mm.
Kapillaraktivität unterschiedlicher Baustoffe
Poröse Baustoffe besitzen ein System feiner Poren, das kapillaren Wassertransport ermöglicht. Diese Eigenschaft wird als Kapillaraktivität bezeichnet und hat praktische Auswirkungen auf vier Bereiche:
- Feuchteaufnahme: Wasser wird von der Oberfläche ins Material gesaugt
- Feuchteverteilung: Lokale Durchfeuchtung verteilt sich im Material
- Rücktrocknung: Feuchtigkeit wandert zurück zur Oberfläche und verdunstet
- Aufsteigende Feuchte: Wasser steigt aus dem Erdreich ins Mauerwerk
Die Kapillaraktivität unterscheidet sich je nach Material. Kalkputz mit seiner offenporigen Struktur ist stark kapillaraktiv. Zementputz mit dichterem Gefüge zeigt geringere Kapillarität. Dispersionsfarben und Kunstharzputze verschließen die Kapillaren an der Oberfläche und unterbrechen den Feuchtetransport. Besonders anfällig für aufsteigende Feuchtigkeit sind mineralische Baustoffe wie Naturstein, während dichte Materialien wie Schaumglas oder Kunststoffe kaum kapillaraktiv sind.
Bedeutung für Raumklima und Feuchteregulierung
Kapillaraktive Wandoberflächen tragen wesentlich zur Feuchteregulierung in Innenräumen bei. Bei erhöhter Luftfeuchtigkeit nach dem Duschen oder Kochen nehmen die Wände Feuchtigkeit auf. Das Wasser wird durch Kapillarkräfte von der Oberfläche ins Putzinnere transportiert, wo es zwischengespeichert wird. Sinkt die Luftfeuchtigkeit später, kehrt sich der Prozess um: Die Kapillarkräfte transportieren das gespeicherte Wasser zurück an die Oberfläche, wo es verdunstet.
Dieser Mechanismus funktioniert nur bei durchgängig kapillaraktiven Wandaufbauten. Eine diffusionsdichte Beschichtung unterbricht den Kreislauf und verhindert die Rücktrocknung, was zu Feuchtigkeitsstau und erhöhtem Schimmelrisiko führen kann.
Unterschied zwischen Kapillarität und Diffusion
Kapillarität und Diffusion sind zwei unterschiedliche Transportmechanismen für Feuchtigkeit, die sich ergänzen. Kapillarität transportiert flüssiges Wasser durch Poren, angetrieben durch Oberflächenspannung. Diffusion transportiert Wasserdampf durch das Material, angetrieben durch ein Dampfdruckgefälle. Diffusion wirkt langsam und kontinuierlich, Kapillarität schnell und bei direktem Wasserkontakt.
Ein guter Baustoff für Feuchteregulierung sollte beide Eigenschaften aufweisen: hohe Diffusionsoffenheit (niedriger sd-Wert) und gute Kapillaraktivität. Kalkputz erfüllt beide Anforderungen – seine Porenstruktur ermöglicht sowohl Dampfdiffusion als auch kapillaren Wassertransport.
Bauschäden durch unkontrollierte Kapillarität
Wenn Wasser unkontrolliert durch Kapillarität in die Bausubstanz eindringt, entstehen gravierende Folgeschäden. Das offensichtlichste Anzeichen sind feuchte Flecken, die vom Boden aufsteigen. Das Wasser transportiert gelöste Salze aus dem Erdreich und dem Baumaterial an die Oberfläche. Wenn das Wasser verdunstet, kristallisieren die Salze aus, sprengen durch ihre Volumenvergrößerung Putz und Farbe ab und zerstören die Oberflächen.
Weitere Schäden umfassen Schimmelbildung an dauerhaft feuchten Wänden sowie Frostschäden: Dringt Wasser in die Poren der Außenfassade ein und gefriert im Winter, dehnt es sich um etwa 10 Prozent aus. Diese Eiskristalle erzeugen einen enormen Sprengdruck, der die Materialstruktur von innen heraus zerstört. Zudem verschlechtert feuchtes Mauerwerk erheblich die Dämmwirkung.
Schutzmaßnahmen: Horizontalsperre und kapillarbrechende Schichten
Die effektivste Gegenmaßnahme gegen aufsteigende Feuchtigkeit ist eine kapillarbrechende Schicht, auch Horizontalsperre genannt. Diese unterbricht den Wasserfluss aus dem Erdreich ins Mauerwerk. Moderne Abdichtungssysteme kombinieren verschiedene Materialien und Verfahren, um den kapillaren Wassertransport zu stoppen und gleichzeitig die bauphysikalisch notwendige Diffusionsoffenheit zu erhalten.
Die Kapillaraktivität eines Baustoffs wird quantitativ durch den Wasseraufnahmekoeffizienten (w-Wert) beschrieben, der in Normen und technischen Produktdatenblättern angegeben wird und als Planungsgrundlage für Bauwerksabdichtungssysteme dient.

