Die Schweizer Norm SIA 262 legt detaillierte Verfahren zur Begrenzung von Rissbreiten in Stahlbeton-Bauteilen fest. Bei aufgezwungenen oder behinderten Verformungen – etwa durch Temperaturwechsel oder Schwinden – können Sie die Rissbildung durch eine gezielte Mindestbewehrung kontrollieren. Die Norm definiert dazu konkrete Berechnungsverfahren und unterscheidet nach Beanspruchungsart und Querschnittsform. Für Sie als Verarbeiter bedeutet das: Welche Bewehrungsquerschnitte benötigen Sie, um Dichtigkeitsklassen einzuhalten, und wie setzen Sie Rissabdichtungen fachgerecht um?

Welche Mindestbewehrung fordert SIA 262 bei Zwang?

Nach Ziffer 4.4.2.3.7 der SIA 262 erfolgt die Begrenzung der Rissbreiten bei Zwangsbeanspruchung durch Einlegen einer Mindestbewehrung in die Zugzone. Die Zugzone legen Sie als Planer oder Bauleiter durch Wahl der Zwangseinwirkung fest – Zug oben, Zug unten oder zentrischer Zug. Die erforderliche Bewehrungsfläche As berechnet sich aus der Gleichung:

As = ks · fctd · Act / σs,adm

Dabei steht ks für den Beiwert zur Berücksichtigung der Spannungsverteilung vor der Erstrissbildung. Die Norm unterscheidet drei Fälle:

  • ks = 1,0 bei zentrischen Zwang – wenn die Zugkraft gleichmäßig über den Querschnitt verteilt ist
  • ks = 0,4 bei Biegezwang von Rechteckquerschnitten, abgeleitet aus SIA D 0182
  • ks = 0,9 · Fcr / Act / fctd ≥ 0,5 in allen anderen Fällen gemäß EN 1992‑1‑1

Die Betonzugfestigkeit fctd hängt von der kleinsten Abmessung des Zuggurts ab. Für Platten- und Rechteckquerschnitte unter Biegebeanspruchung gilt dabei t = h/3. Der Beiwert kt berücksichtigt die Bauteilgröße und beträgt standardmäßig 1,0, kann aber im Einzelfall angepasst werden.

Wie ermitteln Sie die zulässige Betonstahlspannung?

Die zulässige Betonstahlspannung σs,adm bestimmt, wie stark Sie die Bewehrung belasten dürfen, ohne die geforderte Rissbreitenbegrenzung zu überschreiten. Nach Gleichung 100a der SIA 262:2017 gilt:

σs,adm = √(9 · Es · fctm · wnom / øs)

Diese Formel zeigt: Je dünner der Stabdurchmesser øs, desto geringer die zulässige Spannung. Die nominelle Rissbreite wnom richtet sich nach der gewählten Anforderung aus Tabelle 17 der Norm. In der Praxis bedeutet das für Sie: Bei hohen Anforderungen – etwa für wasserundurchlässige Bauteile – müssen Sie engere Stabdurchmesser wählen oder die Bewehrungsmenge erhöhen.

Welche Rolle spielt die Dichtigkeitsklasse nach SIA 272?

Die Abdichtungs- und Entwässerungsnorm SIA 272 definiert vier Dichtigkeitsklassen für erdberührte Bauteile. Seit den Korrigenda C1:2017 zur SIA 262 können Sie die Mindestbewehrung direkt an diese Dichtigkeitsklassen koppeln:

  • Dichtigkeitsklasse 1 (vollständig trocken): hohe Anforderungen nach SIA 262
  • Dichtigkeitsklasse 2 (trocken bis leicht feucht): erhöhte Anforderungen
  • Dichtigkeitsklasse 3 (feucht): normale Anforderungen
  • Dichtigkeitsklasse 4 (feucht bis nass): keine Anforderungen an Rissbreitenbegrenzung

Für Sie heißt das: Wenn Sie eine Kellerdecke oder Bodenplatte planen, legen Sie gemeinsam mit dem Bauherrn die Dichtigkeitsklasse fest. Diese bestimmt dann die erforderliche Bewehrungsmenge und die Art der Rissabdichtung. Die Korrigenda-Änderung sorgt für Konvergenz zwischen SIA 262 und SIA 272 und vereinfacht die Planung.

Wie dichten Sie Risse in Beton-Bauwerken ab?

Die SIA 272 stellt klar: Risse in Betonbauwerken sind unvermeidbar. Entscheidend ist, wie Sie mit ihnen umgehen. Risse werden mittels geklebter Bänder oder Kunstharzverpressung abgedichtet. Dabei müssen Sie zwischen statischen und dynamischen Rissen unterscheiden.

Die Wahl des geeigneten Abdichtungsstoffs hängt von der zu erwartenden Breitenänderung ab. Nach Ziffer 4.1.4 der SIA 272 beträgt der Richtwert für die maximal überbrückbare Rissbreitenänderung ΔbR: 15 % der Rissbreite. Für Sie bedeutet das: Wenn Sie einen 0,3 mm breiten Riss abdichten, darf die maximale Bewegung etwa 0,045 mm betragen. Bei größeren Bewegungen – etwa in Einstellhallen mit extremer Temperaturschwankung – müssen Sie auf flexiblere Systeme zurückgreifen oder konstruktive Fugen vorsehen.

Temperatureinflüsse in Bau- und Nutzungsphase

Ein kritischer Punkt, den die SIA 272 in Ziffer 2.3.1.7 betont: Die Wärmeeinwirkung auf Wasser, Luft und Bauteile im jahres- und tageszeitlichen Verlauf muss abgeschätzt und im Projekt berücksichtigt werden. Bodenplatten, die im Hochsommer bei 30 °C betoniert werden, erhitzen sich durch Sonneneinstrahlung und Hydratationswärme weiter. Im Winter können dieselben Bauteile Schnee, Eis und kalten Temperaturen ausgesetzt sein. Temperaturdifferenzen von ΔT = 50 K sind dabei keine Seltenheit.

Für Sie als Verarbeiter heißt das konkret: Planen Sie die Nachbehandlung so, dass extremen Temperaturgradienten entgegengewirkt wird. Schützen Sie frisch betonierte Bauteile vor direkter Sonneneinstrahlung und decken Sie sie im Winter ab. Bei der Planung von Injektionssystemen berücksichtigen Sie, dass sich Fugen und Risse im Jahresverlauf bewegen und zeitweise wasserführend werden können. Die Begrenzung der Rissbreiten bR und der Rissbreitenveränderung ΔbR sowie Methoden für die Abdichtung müssen im Projekt bestimmt und in der Nutzungsvereinbarung festgelegt werden.

Praxis-Take-away: So setzen Sie SIA 262 auf der Baustelle um

Ermitteln Sie die Zugzone und die Art der Zwangsbeanspruchung bereits in der Planungsphase. Wählen Sie den Beiwert ks entsprechend der Beanspruchung und berechnen Sie die erforderliche Mindestbewehrung. Stimmen Sie mit dem Bauherrn die Dichtigkeitsklasse ab – sie bestimmt die Anforderungen an die Rissbreitenbegrenzung. Dokumentieren Sie Temperaturverläufe in Bau- und Nutzungsphase und passen Sie Ihre Maßnahmen zur Rissabdichtung entsprechend an. So gewährleisten Sie dauerhaft dichte und gebrauchstaugliche Betonbauteile.