Der österreichische Fachverband Steine-Keramik hat ein Positionspapier mit dem Titel "Maßnahmen zur raschen Wiederbelebung des Wohnbaus" vorgelegt. Die Branchenvertreter reagieren damit auf eine massive Absatzkrise, die Hersteller von Ziegel, Beton und weiteren mineralischen Baustoffen gleichermaßen trifft. Das Papier kann als Lobbying-Intervention in Richtung Politik gelesen werden – und gewährt zugleich Einblick in die akute Notlage der Baustoffindustrie in Österreich.
Ausgangslage: Marktrückgang trifft Produktionskapazitäten hart
Die Steine-Keramik-Branche, die Materialien wie Dachziegel, Betonstein, Klinker und keramische Fliesen produziert, verzeichnet seit mehreren Quartalen einen drastischen Nachfragerückgang im Wohnungsbau. Werkschließungen und Kurzarbeitsregelungen, die im Positionspapier erwähnt werden, signalisieren einen wirtschaftlichen Ernstfall. Während die Branche in den vergangenen Jahren durch Investitionen in Dekarbonisierung und Energieeffizienz zusätzliche Kostenlast trug, bricht nun gleichzeitig die Auftragslage ein – eine Gemengelage, die die Wettbewerbsfähigkeit massiv unter Druck setzt.
Der Fachverband, der Wienerberger und zahlreiche mittelständische Produzenten vertritt, skizziert im Papier konkrete Maßnahmen, die aus Sicht der Industrie unverzichtbar sind, um den Markt kurzfristig zu stabilisieren. Die Forderungen berühren Förderinstrumente, Regulierung und steuerliche Entlastung – Bereiche, in denen die Branche staatliche Unterstützung erwartet.
Zentrale Forderungen: Zwischen Förderprogrammen und Deregulierung
Das Positionspapier gliedert sich in mehrere Handlungsfelder. Ein Schwerpunkt liegt auf der Wiederbelebung der Neubauaktivität durch angepasste Förderprogramme. Die Baustoffindustrie argumentiert, dass ohne direkte finanzielle Anreize für Bauherren und Investoren die Nachfrage nach Wohnraum weiter stagniert – und damit auch der Absatz von Ziegeln, Mörtel und Dämmstoffen.
Darüber hinaus fordert der Fachverband eine Entschlackung regulatorischer Anforderungen. Gemeint sind vor allem Genehmigungsverfahren, die den Wohnungsbau verzögern. Die Branche sieht in der Verfahrensgeschwindigkeit einen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen europäischen Märkten. Diese Forderung ist allerdings nicht unumstritten: Kritiker verweisen darauf, dass gerade in Zeiten der Klimaziele Genehmigungsverfahren auch Nachhaltigkeitskriterien prüfen müssen – ein Zielkonflikt, der im Positionspapier nicht aufgelöst wird.
Ein weiterer Punkt betrifft steuerliche Anreize für private Bauherren und Investoren. Der Fachverband fordert eine steuerliche Absetzbarkeit von Sanierungsmaßnahmen und eine Reduktion der Mehrwertsteuer auf Wohnbau-Projekte. Diese Forderung steht im Kontext der GEG-Anforderungen in Deutschland und vergleichbarer Regelungen in Österreich, die Bestandshalter zu energetischen Sanierungen verpflichten – ohne jedoch die nötigen Investitionsanreize zu schaffen, so die Kritik.
Politische Dimension: Lobbying in der Absatzkrise
Das Positionspapier ist nicht nur technischer Natur, sondern ein politisches Instrument. Die Baustoffindustrie versucht, den Handlungsdruck auf Ministerien und Landesregierungen zu erhöhen. Die Argumentationslinie lautet: Ohne funktionierende Wohnbauproduktion geraten auch gesellschaftliche Ziele wie leistbarer Wohnraum und Klimaneutralität in Gefahr. Das ist nicht neu – ähnliche Forderungen gab es bereits in früheren Zyklen. Doch die aktuelle Kombination aus Energiekrise, Zinswende und CO₂-Regulierung verschärft die Lage.
Interessant ist die Positionierung gegenüber Nachhaltigkeitszielen. Während der Fachverband einerseits auf die hohen Investitionen in grüne Technologien hinweist, fordert er andererseits eine Verlangsamung von Regulierungen. Diese Ambivalenz spiegelt ein branchenweites Dilemma wider: Einerseits will man als klimafreundlicher Baustofflieferant positioniert sein, andererseits belasten die Kosten für EPD-Nachweise, CO₂-Zertifikate und Energieeffizienz-Maßnahmen die Marge in einer Phase, in der die Absatzmenge einbricht.
Wie realistisch sind die Forderungen?
Aus regulatorischer Sicht sind einige Forderungen umsetzbar, andere politisch schwer durchsetzbar. Steuerliche Anreize für Sanierungen gibt es bereits in Ansätzen – beispielsweise die KfW-Förderung in Deutschland oder die Wohnbauförderung der Bundesländer in Österreich. Eine Ausweitung dieser Programme würde jedoch zusätzliche Haushaltsmittel erfordern, die in Zeiten angespannter öffentlicher Budgets schwer zu mobilisieren sind.
Die Forderung nach Deregulierung stößt auf strukturelle Hindernisse. Genehmigungsverfahren sind in der Regel Ländersache und unterliegen komplexen Abstimmungsprozessen. Eine Beschleunigung ist zwar politisch gewünscht, scheitert aber oft an Kapazitätsengpässen in den Behörden und an widersprüchlichen Zielvorgaben – etwa zwischen Verdichtung, Klimaschutz und Denkmalschutz.
Die Frage, ob das Positionspapier tatsächlich zu konkreten Maßnahmen führt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Politische Zusagen sind in Wahlkampfzeiten wahrscheinlicher – ob diese dann auch umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Die Baustoffbranche hat jedenfalls klargemacht, dass sie eine aktive Rolle in der Debatte spielen will und nicht bereit ist, die Krise passiv zu durchleiden.
Auswirkungen auf die Baustoffbranche
Sollten die Forderungen umgesetzt werden, hätte das direkte Auswirkungen auf die Auftragslage bei Herstellern von mineralischen Baustoffen. Eine Belebung der Neubautätigkeit würde insbesondere Produzenten von Porenbeton, Kalksandstein und Feinsteinzeug entlasten. Auch Dämmstoffhersteller wie Knauf oder ROCKWOOL würden von einer Sanierungswelle profitieren, die durch steuerliche Anreize getriggert wird.
Gleichzeitig birgt das Szenario Risiken: Wenn die Branche zu stark auf staatliche Unterstützung setzt, vernachlässigt sie möglicherweise notwendige Strukturanpassungen – etwa Konsolidierung, Effizienzsteigerung oder Produktinnovation. Die Gefahr besteht, dass Überkapazitäten künstlich am Leben gehalten werden, anstatt den Markt auf ein nachhaltiges Gleichgewicht zu führen.
Regulatorischer Ausblick: Was kommt als nächstes?
Die Baustoffbranche steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss sie kurzfristig Absatzrückgänge abfedern, andererseits langfristig die Transformation zu CO₂-armen Produkten vorantreiben. Das Positionspapier des Fachverbands Steine-Keramik adressiert primär die kurzfristige Dimension – die langfristige Perspektive bleibt unterbelichtet.
Entscheidend wird sein, ob die Politik die Forderungen als Teil einer integrierten Strategie aufgreift, die sowohl Marktstabilisierung als auch Klimaziele berücksichtigt. Ein reines Notprogramm ohne strukturelle Weichenstellung würde die nächste Krise nur verzögern. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Branche bereit ist, sich auf ein neues Gleichgewicht einzulassen – oder ob sie auf eine Rückkehr zum Status quo ante hofft, der in dieser Form vermutlich nicht wiederkommt.
Weiterführende Einordnung zur Lobbyarbeit der Steine-Keramik-Branche auf EU-Ebene zeigt, dass die aktuellen Forderungen Teil einer breiteren politischen Strategie sind. Auch Innovationsthemen wie Kreislaufwirtschaft und digitale Planung spielen eine Rolle, wenn es darum geht, die Branche zukunftsfähig aufzustellen – allerdings erfordert das Investitionen, die in der aktuellen Krise schwer zu stemmen sind.
