Beton ist kein volumenstabiler Baustoff: Während der Erhärtung und der gesamten Nutzungsdauer verliert er kontinuierlich an Volumen. Diese Volumenreduktion führt zu Zugspannungen, die häufig Schwindrisse verursachen – eine der häufigsten Rissformen im Betonbau. Anders als strukturelle Risse entstehen Schwindrisse nicht durch äußere Lasten, sondern durch innere Prozesse: Feuchtigkeitsverlust, chemische Reaktionen während der Hydratation und Temperaturänderungen. Die Portland Cement Association schätzt, dass über 90 % aller Betonplatten während ihrer Nutzungsdauer eine Form von Schwindrissen entwickeln. Diese nahezu universelle Verbreitung macht das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen zur zentralen Aufgabe für Dauerhaftigkeit und Gebrauchstauglichkeit.
Welche Arten von Schwinden treten bei Beton auf?
Das Schwindverhalten gliedert sich in vier Hauptarten mit jeweils unterschiedlichen Mechanismen und Zeitskalen:
- Plastisches Schwinden (Frühschwinden, Kapillarschwinden): Tritt innerhalb der ersten Stunden nach dem Einbau auf, wenn der Frischmörtel noch verarbeitbar ist. Kapillare Zugkräfte im noch weichen Beton können zu oberflächlichen Rissen führen.
- Autogenes Schwinden (chemisches Schwinden): Entsteht während der Erhärtungsphase durch die Hydratation selbst. Das Volumen der Hydratationsprodukte im Zementstein ist größer als das Volumen von Zement und Wasser im Zementleim. Gleichzeitig führt die Selbstaustrocknung bei niedrigem Wasser-Zement-Wert zu inneren Spannungen.
- Trocknungsschwinden: Erfolgt über Monate bis Jahre durch Austrocknung des Festbetons. Bei langsamer Austrocknung gelten für Normalbeton Schwindmaße von 0,2 mm/m bis 0,5 mm/m. Das Trocknungsschwinden hängt von den Austrocknungsbedingungen, den Bauteilabmessungen, dem Wasserzementwert und dem Zementsteinvolumen ab.
- Carbonatisierungsschwinden: Entsteht durch die Reaktion von CO₂ mit dem erhärteten Beton über sehr lange Zeiträume.
Wie wirkt sich Schwinden auf die Dauerhaftigkeit aus?
Schwindrisse sind typischerweise fein, oberflächlich und nicht strukturell. Dennoch beeinträchtigen sie die Dauerhaftigkeit, da sie das Eindringen von Feuchtigkeit, Chloriden und aggressiven Medien ermöglichen. Bei Stahlbeton steigt damit das Risiko von Bewehrungskorrosion. Die Rissentstehung hängt davon ab, ob die durch Schwinden induzierten Zugspannungen die Zugfestigkeit des Betons übersteigen. Konstruktive Maßnahmen wie Fugen, Bewehrung und eine angepasste Nachbehandlung können Zugspannungen reduzieren und Rissbreiten begrenzen.
Schrumpfen versus Schwinden: Ein wichtiger Unterschied
Das Schrumpfen bezeichnet eine Volumenverringerung während der Hydratation ohne praktische statische Bedeutung. Schwinden hingegen umfasst die Volumenverringerung des unbelasteten Betons durch Austrocknung und ist bautechnisch relevant. Das Gegenteil, das Quellen, beschreibt eine Volumenzunahme durch Wasseraufnahme. In der Baupraxis ist insbesondere das irreversible Schwinden bei der ersten Austrocknung (Erstschwinden) von Bedeutung.
Welche Faktoren beeinflussen das Schwindmaß?
Das Endschwindmaß wird von mehreren Randbedingungen gesteuert:
- Zementsteinvolumen und Wasser-Zement-Wert: Höherer Zementsteingehalt und höherer w/z-Wert erhöhen das Schwindpotenzial.
- Temperatur und Luftfeuchtigkeit: Niedrige Luftfeuchtigkeit und hohe Temperatur beschleunigen die Austrocknung.
- Bauteilgeometrie: Schichtdicke und Oberflächenstruktur beeinflussen die Austrocknungsgeschwindigkeit. Als Faustformel gilt ein Tag Wartezeit pro Millimeter Unterputzdicke, bevor weitere Schichten wie ein Oberputz aufgebracht werden.
- Nachbehandlung: Schutz vor Regen, Zugluft, direkter Sonneneinstrahlung sowie zu hohen (über 30 °C) und zu niedrigen Temperaturen (unter 5 °C) minimiert Schwindrisse.
Verwandte Formänderungen: Kriechen als Langzeitphänomen
Neben Schwinden spielt auch das Kriechen eine zentrale Rolle bei der Formänderung von Beton. Unter Dauerlast treten bleibende und zeitabhängige Verformungen auf, die auf die Bewegung und Umlagerung von Wasser im Zementstein zurückgeführt werden. Das Kriechen umfasst einen reversiblen Anteil (Rückkriechen nach Entlastung) und einen irreversiblen Anteil (Fließen). Bei Spannbeton ist Kriechen ein kritischer Parameter, da große Betondruckspannungen die Spannstahldehnung vermindern. Unter ungünstigen Bedingungen kann die Endkriechzahl einen Wert von ungefähr 3,0 erreichen, die Verformung durch Kriechen ist dann dreimal so groß wie die elastische Verformung.
Praktische Anwendungen und Vermeidungsstrategien
Mineralische Baustoffe wie Beton, Mörtel und mineralische Putze unterliegen alle dem Schwinden. In der Praxis lassen sich Schwindrisse durch mehrere Maßnahmen begrenzen:
- Bewehrung: Verteilte Bewehrung nimmt Zugspannungen auf und verteilt Risse auf kleinere Rissbreiten.
- Dehnfugen: Fugen unterteilen große Flächen und nehmen Verformungen auf, ohne dass Risse entstehen.
- Nachbehandlung: Feuchthalten der Oberfläche verlangsamt die Austrocknung und reduziert Spannungsgradienten.
- Optimierte Mischung: Niedrigerer Zementsteingehalt, geringerer w/z-Wert bei autogenem Schwinden und Einsatz von Zusatzmitteln beeinflussen das Schwindverhalten positiv.
Weitere technische Details zu Rissbreiten-Begrenzung und Instandsetzung finden sich in verwandten Beiträgen: Wie begrenzen Sie Rissbreiten im Betonbau nach SIA 262? und PCC- und SPCC-Mörtel nach EN 1504-3: Klassifizierung für die Betoninstandsetzung. Wer sich für das Schwindverhalten verwandter Baustoffe interessiert, findet weiterführende Informationen in Warum Estrich schwindet: Ursachen, Mechanismen und konstruktive Gegenmaßnahmen.


