Schwinden beschreibt eine lastunabhängige Volumenänderung von Beton, die durch Veränderungen im Wasserhaushalt entsteht. Gemäß SIA 262 (Ziffer 4.4.2) ist das Schwinden eine wesentliche Ursache für Rissbildung in Betonbauteilen. Während Risse im Stahlbeton im Planungsalltag oft als unvermeidlich gelten, bietet die Baustoffindustrie seit Jahren Wege, Schwindverformungen durch Rezepturanpassungen und chemische Zusatzmittel gezielt zu minimieren.
Wie wird Schwinden normativ geprüft?
Nach SN EN 206-1 können Sie Schwindreduktion in Ausschreibungen als zusätzliche Eigenschaft festlegen. Der Nachweis erfolgt durch die Schwindprüfung nach SIA 262-1 Anhang F. Die Vereinigung Akkreditierter Baustoffprüflabors führte im Jahr 2013 einen Ringversuch mit zwölf Laboren durch. Die Ergebnisse flossen in die Norm SIA 262/1:2013 ein und bilden die Grundlage für die Bewertung der Prüfgenauigkeit.
Welche Faktoren bestimmen das Trocknungsschwinden?
Maßgeblich für das Trocknungsschwinden ist der Zementleimgehalt einer Betonrezeptur. Vergleichende Laborversuche an einem A-Beton mit einem Zementleimgehalt von 270 l/m³ und einem C-Beton mit 244 l/m³ zeigten: Die Verringerung der Zementleimmenge um etwa 10 % reduziert das durchschnittliche Schwindmaß um rund 5,5 %.
Dieser Unterschied bleibt bescheiden. Deutlich erkennbar waren hingegen die Abweichungen der einzelnen Messungen innerhalb derselben Betonsorte – dies bestätigt die Angaben der Norm zur Streuung. Selbst unter optimierten Laborbedingungen ergibt sich bei identischer Rezeptur eine natürliche Varianz.
Wie wirken schwindreduzierende Zusatzmittel?
Die effizienteste Maßnahme zur Verringerung des Trocknungsschwindens ist der Einsatz schwindreduzierender Zusatzmittel. In Versuchen an beiden Betonsorten wurde eine Dosierung von 2 % bezogen auf das Zementgewicht getestet. Die Zugabe bewirkte eine Reduktion des durchschnittlichen Schwindmaßes um 50 % beim A-Beton und 51,7 % beim C-Beton.
Unter Laborbedingungen lässt sich so ein minimales Schwindmaß von ca. 0,23 ‰ nach 91 Tagen erzielen. Berücksichtigen Sie die Vergleichsstandardabweichung, erhöht sich dieser Wert auf 0,27 ‰. Auf Baustellen müssen Sie jedoch mit wesentlich höheren Schwindwerten rechnen: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit können die Trocknungsgeschwindigkeit und damit das Schwindverhalten deutlich verändern.
Wo liegen die Grenzen der Optimierung?
Ein A-Beton liegt bezüglich der minimalen Zementleimmenge an der Grenze des Machbaren. Weitere Optimierungen gehen zulasten der Verarbeitbarkeit und Dauerhaftigkeit – die Praxistauglichkeit wäre nicht mehr gegeben. Dies gilt insbesondere für Anwendungen mit hohen Anforderungen an die Expositionsklasse, wo der Zementgehalt auch den Schutz der Bewehrung sicherstellt.
Die verschiedenen Einflussfaktoren – Zementleimgehalt, klimatische Bedingungen, Bauteilgeometrie und Nachbehandlung – zeigen: Zu tief angesetzte, geforderte Schwindwerte sind aufgrund der Streuung der Laborresultate stets fraglich. Definieren Sie realistische Zielwerte, die sowohl die Messunsicherheit als auch die Baustellenbedingungen berücksichtigen.
Welche baulichen Maßnahmen minimieren Schwindrisse?
Neben der chemischen Optimierung der Betonrezeptur sind bauliche Maßnahmen zur Minimierung der Rissbildung unerlässlich:
- Fugenplanung: Gezielte Anordnung von Sollrissfugen zur Kontrolle der Rissbildung
- Bewehrungsführung: Verteilung feiner Risse durch geeignete Bewehrungskonzepte
- Nachbehandlung: Vermeidung rascher Austrocknung durch Abdeckung oder Beschichtung
- Bauteilgeometrie: Berücksichtigung von Zwangsspannungen bei eingeschränkter Verformungsfreiheit
Insbesondere die Norm SIA 262 verlangt, dass Zwangsspannungen aus behindertem Schwinden rechnerisch berücksichtigt werden. Weitere Informationen zu verwandten Themen finden Sie in unseren Artikeln zur Schwindkompensation in zementgebundenen Systemen und zum Sulfatwiderstand von Beton.
Praxis-Take-away
Kombinieren Sie für schwindkontrollierten Beton drei Ansätze: Optimieren Sie den Zementleimgehalt so weit, dass Verarbeitbarkeit und Dauerhaftigkeit erhalten bleiben. Setzen Sie schwindreduzierende Zusatzmittel gezielt ein – 2 % bezogen auf das Zementgewicht halbieren das Schwindmaß. Planen Sie Sollrissfugen und angepasste Bewehrungskonzepte, um die verbleibenden Verformungen kontrolliert abzuleiten. Nur das Zusammenspiel von Rezeptur, Bauchemie und konstruktiver Planung verhindert unkontrollierte Schwindrisse zuverlässig.
