Der europäische Baustoffhandel durchläuft eine Phase beschleunigter Konsolidierung. Die Saint-Gobain-Gruppe verkaufte im Dezember 2022 ihre britische Bauvertriebssparte Saint-Gobain Building Distribution Ltd. an die Stark Group – ein Paket von über 600 Filialen. Im Februar 2022 trat Stark Group durch die Übernahme des österreichischen Dach- und Fassadenhändlers Dach Wand Handels GmbH in den österreichischen Markt ein. Die Expansion setzte sich fort: Im März 2023 folgte die Akquisition des familiengeführten Schilowsky Baumarkt und Baustoffhandel KG, ebenfalls in Österreich.
Parallel dazu wächst die Marktkonzentration auch in regionalen Märkten. Stark Group ergänzte das Portfolio in Dänemark durch die Übernahme von XL-BYG Faxe Trælast Proffcenter im Februar 2023 und XL-BYG Nakskov Trælastkompagniet im Januar 2023. In Norwegen und Schweden stärkte der Konzern im November 2022 sein Fliesen- und Keramiksegment durch die Übernahme von FagFlis und FF Kakel AB.
Warum konsolidiert der Baustoffhandel jetzt?
Die Konsolidierungswelle findet vor dem Hintergrund eines strukturell schwachen Baumarktes statt. „In einem normalen Jahr wären wir mit unserem Ergebnis nicht zufrieden. Wir müssen unter allen Marktbedingungen wachsen können, aber die Entwicklung in Deutschland hat einen historischen Einbruch im europäischen Bauwesen ausgelöst – so etwas hat es in den letzten 30 Jahren nicht gegeben", sagte Søren P. Olesen, Group CEO der Stark Group, im November 2025. Die rückläufige Konjunktur und Bauwirtschaft in Deutschland entwickelte sich zur tiefsten und längsten Schwächephase im europäischen Bausektor seit den 1990er-Jahren. Trotz steigender Marktanteile in allen Ländern bremste das europäische Baugewerbe das Wachstum der Stark Group.
Für Baustoffhändler bedeutet dies: Organisches Wachstum reicht unter diesen Bedingungen nicht aus – Skaleneffekte und Kostensenkung durch Akquisitionen sichern Überlebensfähigkeit. Regionale Familienbetriebe geraten unter Druck, wenn sie nicht die notwendigen Digitalisierungs- und Logistikinvestitionen stemmen können.
Wie verändert sich der Vertriebsweg im Baustoffhandel?
Neben der Marktkonzentration steht der traditionelle dreistufige Vertriebsweg – Hersteller, Großhändler, Handwerker – unter Druck. Eine Marktumfrage von BauInfoConsult aus dem Jahr 2013 zeigt, dass nur noch durchschnittlich 41 Prozent der Einkäufe im spezialisierten Fachhandel (SHK-Großhandel, Haustechnik-Fachhandel) getätigt wurden – 2011 waren es noch über 50 Prozent. Auch der allgemeine Baustoff-Fachhandel verlor Anteile: von 37 Prozent (2011) auf 28 Prozent (2013).
Stark zugelegt haben dagegen:
- Einkäufe direkt beim Hersteller: von 1 Prozent auf 14 Prozent
- Einkäufe im Baumarkt: von 3 Prozent auf 17 Prozent
Dieser Wandel wird durch die Transparenz im Beton-, Zement- und Baustoffmarkt durch Onlineangebote und den erhöhten Informationsfluss im Internet befeuert. Handwerker beziehen Produkte zunehmend über den zweistufigen Vertriebsweg, also direkt vom Hersteller. Auch der vierstufige Vertriebsweg verbreitet sich: Hersteller liefern an Großhändler, diese an Baumärkte oder Online-Shops, von dort gelangen Produkte über den Handwerker oder direkt zum Endverbraucher. Dabei bleibt ungeklärt, ob der Handwerker die Produkte im Online-Shop kauft oder der Endverbraucher die Produkte beistellt – bei der Installation von beigestelltem Material bestehen rechtliche Probleme.
Welche Folgen hat die Konsolidierung für regionale Märkte?
Für Architekten, Planer und Baustoffhändler bedeutet die Konsolidierung dreierlei:
- Sortimentsveränderungen: Großkonzerne standardisieren Produktportfolios länderübergreifend. Regionale Nischenprodukte – etwa spezielle Ziegel-, Mörtel- oder Dämmstoff-Varianten – können aus dem Sortiment fallen.
- Preisgestaltung: Bei steigender Marktkonzentration sinkt der Wettbewerbsdruck zwischen Händlern. Erfahrungen aus anderen Branchen zeigen: Ab einer bestimmten Konzentrationsgrenze stabilisieren oder steigen die Preise.
- Servicequalität: Große Ketten investieren in digitale Bestellsysteme und Logistik, verlieren aber häufig die individuelle Kundenberatung, die regional verankerte Fachhändler bieten.
Für Hersteller verschärft sich der Druck, entweder direkte Vertriebskanäle auszubauen oder mit den verbleibenden Großhändlern in Verhandlung zu treten. Viele Hersteller von Produkten der Sanitär-, Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik stellten ihre Kundenbetreuung bereits auf flächendeckende Vertriebsorganisationen mit Verkaufsniederlassungen und Regionallagern um. In Informationszentren werden SHK-Fachfirmen umfangreiche Schulungs- und Fortbildungsprogramme angeboten.
Die Konsolidierung im Baustoffhandel ist kein kurzfristiges Phänomen. Sie spiegelt strukturelle Veränderungen wider: sinkende Bauvolumina, Digitalisierung, Kostendruck und internationale Skaleneffekte. Wer als regionaler Akteur bestehen will, muss entweder Nischen besetzen, spezialisierte technische Beratung bieten oder sich selbst konsolidieren. Der klassische dreistufige Vertriebsweg verliert an Bedeutung – zugunsten direkter Herstellerkanäle und Baumärkten mit Onlinepräsenz. Für die Kreislaufwirtschaft im Bau bedeutet dies: Recyclingbaustoffe benötigen entweder eigene Vertriebskanäle oder müssen in die Sortimente der Großhändler integriert werden – beides ist bislang nur punktuell gelungen.


