Baukalk ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit und wird seit Jahrtausenden im Bauwesen eingesetzt. Er dient hauptsächlich als mineralisches Bindemittel für die Herstellung von Mörtel, der als Mauer- und Putzmörtel zur Anwendung kommt. Die zentrale Norm DIN EN 459-1 „Baukalk – Teil 1: Begriffe, Anforderungen und Konformitätskriterien" unterscheidet zwei grundlegende Arten: Luftkalk, der nur unter Luftzufuhr erhärtet, und Kalk mit hydraulischen Eigenschaften, der auch unter Wasser aushärtet und dauerhaft wasserunlöslich bleibt.
Was ist Luftkalk und wie erhärtet er?
Luftkalk wird aus natürlichem Kalkstein (Calciumcarbonat, CaCO₃) oder Dolomitgestein (CaCO₃·MgCO₃) gewonnen. Der Kalkstein wird bei Temperaturen zwischen 900 °C und 1200 °C in einem Schachtofen gebrannt. Dabei zersetzt er sich in Kohlenstoffdioxid (CO₂) und Calciumoxid (CaO), den sogenannten Branntkalk. Wenn Sie Branntkalk mit Wasser versetzen, entsteht in einer exothermen Reaktion, die viel Wärme freisetzt, Löschkalk (Calciumhydroxid, Ca(OH)₂).
Der entscheidende Unterschied zu hydraulischen Bindemitteln: Luftkalk erhärtet ausschließlich durch Aufnahme von Kohlenstoffdioxid aus der Luft. Dabei wird das Calciumhydroxid wieder in Calciumcarbonat umgewandelt – ein Prozess, der als Karbonatisierung bezeichnet wird. Ohne Luftkontakt findet keine Erhärtung statt. Zudem ist Luftkalk wasserlöslich und eignet sich daher nicht für Bauteile, die dauerhaft Feuchtigkeit ausgesetzt sind.
Fünf Luftkalk-Arten nach DIN EN 459-1
Die DIN EN 459-1 definiert fünf Luftkalk-Arten, die sich durch ihren Gehalt an Calciumhydroxid oder Calciummagnesiumcarbonat unterscheiden:
- Weißkalk 90 (CL 90): mindestens 90 % Calciumhydroxid
- Weißkalk 80 (CL 80): mindestens 80 % Calciumhydroxid
- Weißkalk 70 (CL 70): mindestens 70 % Calciumhydroxid
- Dolomitkalk 85 (DL 85): mindestens 85 % Calciummagnesiumcarbonat
- Dolomitkalk 80 (DL 80): mindestens 80 % Calciummagnesiumcarbonat
Weißkalk wird aus Kalkstein hergestellt, während Dolomitkalk aus dem artverwandten Dolomitgestein stammt, das zusätzlich einen hohen Magnesiumanteil enthält.
Was ist hydraulischer Kalk und wo liegt der Unterschied?
Kalk mit hydraulischen Eigenschaften – oft als Wasserkalk bezeichnet – erhärtet auch ohne Luftzufuhr und bleibt nach der Aushärtung dauerhaft wasserunlöslich. Diese Eigenschaft verdankt er bestimmten Bestandteilen im Ausgangsmaterial: Neben der unhydraulischen Base Kalk enthält er sogenannte Hydraulefaktoren wie Kieselsäure (SiO₂), Aluminiumoxid (Al₂O₃) und Eisenoxid (Fe₂O₃).
Natürlich hydraulische Kalke werden aus Kalkmergel gewonnen, einem Sedimentgestein, das neben Kalkstein auch diese hydraulischen Bestandteile enthält. Die DIN EN 459-1 unterscheidet drei Hauptgruppen:
- Natürlicher Hydraulischer Kalk (NHL): ausschließlich durch Brennen und Mahlen von Kalkmergel hergestellt, ohne weitere Zusätze
- Formulierter Kalk (FL): Luftkalk mit hydraulischen Bindemitteln wie Zement, natürlichen Puzzolanen oder anderen Zusätzen gemischt
- Hydraulischer Kalk (HL): gemischte hydraulische Kalke mit definierten Eigenschaften
Verarbeitungseigenschaften auf der Baustelle
Luftkalkmörtel lässt sich deutlich leichter verarbeiten als Zementmörtel. Er bleibt länger geschmeidig und neigt weniger zur Rissbildung. Allerdings erreicht er bei gleichen Mischungsverhältnissen im erhärteten Zustand eine erheblich geringere Festigkeit als Zementmörtel. Kalkputz besitzt eine gute Wasserdampfdurchlässigkeit und wird daher bevorzugt in Innenräumen eingesetzt, wo er positiv auf das Raumklima wirkt.
Ein wichtiger Hinweis für die Praxis: Luftkalkmörtel, die nicht durch Schlagregen beansprucht werden, werden häufig mit Gips gemischt, um die Eigenschaften und Verarbeitbarkeit anzupassen. Bei hydraulischen Kalken ist diese Kombination jedoch problematisch: Mischungen von hydraulischen Kalken mit Gips können zum Treiben führen – dem Aufbrechen des Mörtels durch Volumenzunahme.
Sicherheitshinweise für die Verarbeitung
Beim Umgang mit Baukalken müssen Sie besondere Vorsicht walten lassen: Diese Baustoffe wirken stark alkalisch und können zur Verätzung von Haut und Schleimhäuten führen. Besonders das „Löschen" von Branntkalk – das Mischen mit Wasser – verläuft exotherm und setzt erhebliche Wärmemengen frei. Tragen Sie daher stets geeignete Schutzkleidung, Handschuhe und eine Schutzbrille.
Praxis-Take-away: Welchen Kalk wählen Sie für welchen Einsatz?
Für Innenputze ohne Feuchtebelastung eignet sich Luftkalkputz hervorragend: Er ist diffusionsoffen, raumklimafreundlich und gut zu verarbeiten. Bei Außenputzen, Sockelbereichen oder feuchtebelasteten Bauteilen greifen Sie zu hydraulischem Kalk oder formuliertem Kalk mit Zementzusatz. Achten Sie dabei auf die Normbezeichnung nach DIN EN 459-1, die Ihnen Aufschluss über Zusammensetzung und Eignung gibt. Verwandte Themen finden Sie in unserem Artikel zu Sanierputz und Salzbelastung im Mauerwerk.


